Wohnverhältnisse – Zwischen Repräsentation und „Trautem Heim“

Zwischen Repräsentation und »Trautem Heim«

»Als … nach dem siebziger Krieg die Milliarden ins Land kamen und die Gründeranschauungen selbst die nüchternsten Köpfe zu beherrschen anfingen«, heißt es in Theodor Fontanes Roman »Frau Jenny Treibel« (Frankfurt a.M. 1984, S.21), (fand auch Kommerzienrat Treibel sein bis dahin in der alten Jakobstraße gelegenes Wohnhaus, trotzdem es von Gontard, ja nach einigen sogar von Knobelsdorff herrühren sollte, nicht mehr zeit- und standesgemäß, und baute sich auf seinem Fabrikgrundstück eine modische Villa mit kleinem Vorder- und parkartigem Hintergarten.( Wie Treibel dachte so mancher Osnabrücker Fabrikant, und es entstanden die Villenviertel auf dem Westerberg und am Gertrudenberg, oder wie Abb. 72 zeigt, auf dem Fabrikgelände der Firma Kämmerer.

70 Wohnzimmer um 1900, 9,5 x 14 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Cronemeyer)
71 „1901 Eßzimmer“, 1901, 8,2 x 9,6 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Stadtmuseum Quakenbrück)
72 Villa Kämmerer, Osnabrück 2.9.1919, 9 x 13,8 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Kaum erbaut, wurde in der Regel das Osnabrücker Fotoatelier R. Lichtenberg bemüht, um das neue, repräsentative Domizil abzulichten. Einen Blick in die bürgerlichen Wohnräume gewähren uns allerdings erst die zahlreichen Amateure, die kurz vor der Jahrhundertwende ihr Hobby betrieben und, ungeachtet von Aufnahmemängeln, wie unausgeleuchteten Ecken oder unscharfen Bildbereichen, ihre unmittelbare Umgebung fürs Fotoalbum festhalten. Bei diesen Amateuren handelte es sich zunächst um gutsituierte Bürger, und der Stolz auf den erreichten Status veranlaßte sie wohl auch, die Räume ihrer Wohnung zu dokumentieren. So sind ganze Alben mit derartigen menschenleeren Einrichtungsserien erhalten (z.B. Abb. 70). Aufschlußreicher wirken jedoch die Fotos, auf denen die Bewohner in Erscheinung treten (Abb. 71) oder gar den Mittelpunkt des Bildes ausmachen, während die Interieurs mehr zufällig ins Foto geraten.

In der wilhelminischen Epoche veränderte sich die einfache, auf Gemütlichkeit bedachte Einrichtung des Biedermeier. Eine dekorativ-ornamentale Prunksucht wurde vorherrschend, und unter dem Begriff »Altdeutsch« wurden die Wohnzimmer mit dem heillosen Stilmischmasch eines richtungslosen Historismus vollgestopft. Dunkle Tapeten, mächtige Möbel, reiche Dekoration der Wände mit Gipsbüsten, Fotografien und Bildern, schwere Samtvorhänge und künstliche Blumensträuße unter Glasstürzen, gehörten zum festen Repertoire dieser Ausstattung die in Abb. 71 sehr stimmig durch den Nähplatz am Fenster mit dem Alltag verbunden wird. Die Küche, bei den Bessergestellten ohnehin zum Bereich des Dienstpersonals gehörig, wurde kaum einmal fotografiert (Abb. 73). Dienstmädchen gehörten um die Jahrhundertwende zu jedem gutbürgerlichen Haushalt.

73 „Okt. 1909“, An der Kochmaschine, Amateuraufnahme, 1909, 8,5 x 11 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Stadtmuseum Quakenbrück)

Obwohl die Vormachtstellung des Adels nach der Säkularisation und dem Verlust wichtiger Priviligien im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend schwand, orientierten sich die bürgerlichen Sehnsüchte weiterhin an einer aristokratischen Lebensführung. Wurden auch bis zur Jahrhundertmitte fast alle Osnabrücker Stadthöfe des Landadels an Gesellschaften, Behörden und durch den Handel reich gewordene Bürger verkauft, und verfiel so manche weiträumige Schloßanlage auf dem Lande, so gestaltete man doch die alten Familiensitze nach der Mode der Zeit um. Graf Friedrich Wilhelm von dem Bussche und seine Ehefrau Else, geb. von Armin, ließen noch 1862 bis 1867 das Herrenhaus der Ippenburg durch den Osnabrücker Architekten Schulze im englisch neugotischen Stil neu errichten. Abb. 74 zeigt den Schloßherrn vor einer Nordostansicht der neuen Schauseite des Herrenhauses.

74 Ippenburg nach 1867, 10,8 x 14,3 cm, Salzbild (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kulturgeschichtliches Museum)

Es handelt sich um ein altes, bereits stark verblaßtes Salzbild, das von einem unbekannten Fotografen kurz nach der Fertigstellung, (die Fassade ist noch nicht, wie auf späteren Fotos von Efeu überrankt), angefertigt wurde. Abb. 75 zeigt eine Ansicht des »Grünen Salons« der Schelenburg.

75 „Schelenburg, Grüner Salon“, 8,5 x 10 cm, Glasdiapositiv (Medienzentrum Osnabrück)

»In der Provinz halte ich dafür, daß der Edelmann das Gute, was er anschaffen will, auf seinem Landsitz haben muß« äußert Georg von Schele in der Familienchronik (Dep 38 b Nr. 1011 »Familiengeschichte«, Niedersächsisches Staatsarchiv Osnabrück) und setzt so den Schwerpunkt der Repräsentation. Das Foto zeigt eine gewisse Wohnlichkeit der Räume. Eine Papiertapete, die geraffte, grünweiß gestreifte Wandvorhänge nachbildet, und die Möblierung aus dem 18. und 19. Jahrhundert fallen besonders ins Auge.

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