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Wohnverhältnisse – Die Arbeitersiedlung

Die Arbeitersiedlung

Fotodokumente, die zeigen, wie die vielen Arbeiter- und Tagelöhnerfamilien in Stadt und Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten und wohnten, sind auch überregional äußerst selten. Für derartige Fotos gab es weder Absatzmärkte noch Auftraggeber. Dabei war die Lage prekär. Jahr für Jahr verließen mehr Menschen die verarmten Landstriche und strömten in die neuen Fabriken, die einen ungeheueren Bedarf an Arbeitskräften entwickelten. Die Städte und Ortschaften in Fabriknähe waren dem Ansturm kaum gewachsen. Ein kurzer Ausschnitt aus den »Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters« von Carl Fischer (Neue Folge. Hg. P. Göhre. Leipzig 1904. S. 185) mag einen Eindruck von den Wohnverhältnissen der überwiegend jüngeren Männer geben, die als Untermieter und Schlafgänger bei fremden Familien einquartiert waren und auf dem Stahlwerk oder beim Eisenbahnbau arbeiteten: »Die Wohnung war klein und niedlich und enge, und man mußte sich behelfen. Im Flur über unserer Stubentür befand sich eine Klappe, da war Peters Schlafzimmer; das war reichlich einen Meter hoch, da stand ein altes, breites, zweischläfriges Bett, da setzte man abends eine Hühnerstiege an die Stubentür und kletterte hinauf, dann zog man die Stiege nach, da konnte man zu Bett gehn; aber beim Aufstehn mußte man sich vorsehn, denn man durfte sich nicht aufrichten, sonst rannte man mit der Stirn und Nase wider die Zimmerdecke, man konnte in dem Raume nur tief gebückt gehn und mußte sich daran gewöhnen. Da gab ich siebeneinhalb Groschen Kostgeld pro Tag, …« Gemeinsam mit einem zunehmenden »Geburtenüberschuß« sorgte diese Wanderbewegung in Osnabrück für einen Bevölkerungszuwachs von 18083 Einwohnern (1864) auf 65956 Einwohner (1910). Wohnungsbauprogramme und die damit zusammenhängenden gesundheitspolitischen und versorgungstechnischen Infrastrukturmaßnahmen wurden zu den zentralen Aufgaben jeder Stadtverwaltung. Die ersten fotografischen Dokumente dieser Entwicklung reichen jedoch nur vereinzelt ins vorige Jahrhundert zurück. Auch die frühesten Fotos des Werkswohnungsbaus der Georgsmarienhütte stammen aus den 90er Jahren, sie entstanden also fast vierzig Jahre nach der Gründung der Kolonie (1856 – 1859). Wie der Blick auf die Siedlung vom Rehlberg (Abb. 67) wurden fast alle diese Fotos von Dr. Aloys Wurm aufgenommen.

66 „Die sog. Prinzenburg“, Mühlenort 4, Bramsche, o. J., 9 x 11,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tuchmacher Museum, Bramsche)
67 Georgsmarienhütte, Blick vom Rehlberg, Dr. A. Wurm, 1896 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann, Georgsmarienhütte)

Er war der technische Direktor des Stahlwerkes in Osnabrück und brachte 1901 im Verlag von »G. Pillmeyer’s Buchhandlung. Jul. Jonscher« den ersten Osnabrücker »Reiseführer« „OSNABRÜCK Seine Geschichte, seine Bau- und Kunstdenkmäler. Ein Städtebild.“ mit überwiegend eigenen Fotos heraus. Beschrieben werden die Wohnungen (Abb. 68) in der Werkschronik von 1895:

68 Logierhäuser am Osterberg, Georgsmarienhütte erbaut 1856-1858, 1890/1900 , nach dem Umbau zu Familienwohnungen (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann, Georgsmarienhütte)

»Die Rücksichtnahme auf die möglichst rasche Unterbringung einer möglichst großen Anzahl von Arbeitern veranlaßte den Bau von sehr leichten Fachwerkgebäuden mit großen Wohn- und Schlafräumen, sog. Logierhäusern, deren späterer Ausbau zu je vier Familienwohnungen jedoch sofort in Aussicht genommen wurde und auch später, in den Jahren 1857-1859, erfolgt ist. Für die nach und nach heranziehenden verheirateten Arbeiter ward gleichzeitig durch den Bau von Familienwohnungen, je zwei in einem Hause, Sorge getragen. (…) Im Übrigen entsprachen die kleinen Häuser ebenso wie die ausgebauten Logierhäuser den Anforderungen, welche an gute Arbeiterwohnungen zu stellen sind, nur in beschränktem Maße. Zu einem viel zu leichten Ausbau mit niedrigen Zimmern und Fenstern kam noch der Übelstand hinzu, daß der Stall unmittelbar an das Wohnhaus angebaut wurde, was sich sowohl für das Wohlbefinden der Einwohner, als auch der Haltbarkeit der Wohnungen als unzweckmäßig erwies. Im Laufe der Jahre ist durch das Behängen der Häuser an den Wetterseiten mit Ziegeln zum Schutze gegen die eindringende Nässe, durch völlige Erneuerung und solidere Herstellung von Fußböden, Türen und Fenstern, durch Absonderung der zu jeder Wohnung gehörenden Wirtschaftsräume und durch den Bau vieler neuer freistehender massiver Ställe das Mögliche geschehen, um die Wohnungen zu verbessern.« (Hermann Müller, Der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hütten-Verein, Erster Band, 2. Teil, Osnabrück 1896, S.71f.) In Osnabrück waren vor allem die Wohnverhältnisse in den Quartieren der Altstadt (Abb. 69) der Gesundheit abträglich:

69 „Hofdurchgang zwischen Bier- u. Turmstraße Osnabrück“, 8.5 x 10 cm , Diapositiv (Medienzentrum Osnabrück)

»…daneben gibt es einzelne Straßen, welche fast ausschließlich von Arbeitern bewohnt werden. Dahin gehören in den älteren Stadttheilen insbesondere die engeren Nebenstraßen, wo die Wohngebäude wegen geringer Straßenbreite einerseits, wegen geringen, mitunter auch fehlenden Hofraumes andererseits, einen zum Theil sehr geringen Luftraum zur Verfügung haben. (…) In den älteren Häusern der älteren Stadttheile ist in der Zeit der siebenziger Jahre, wo der Zuzug von Arbeitern ein besonders starker war, vielfach dazu übergegangen, die sonst als Bodenraum benutzten Dachböden zur Anlage kleiner Wohnungen auszubauen.« (Brüning, Die Wohnverhältnisse der ärmeren Volksklassen in der Stadt Osnabrück, Schriften des Vereins für Socialpolitik, XXVIII, Leipzig 1884, S.131 ff.) Eines der üblichen Tuchmacher-Arbeiterhäuser in Bramsche zeigt Abb. 66.

Das ehem. Dreschhaus des Möllmannschen Hofes beherbergte lt. Adressbuch ab den 80er Jahren für gewöhnlich zwei Arbeiterfamilien, ein Ehepaar, einen einzelnen Arbeiter und zwei Witwen. (Das Haus brannte 1928 ab.)

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