Wohnverhältnisse – Bäuerliches Wohnen

Bäuerliches Wohnen

»An der Südseite jener langen und scharf ausgeprägten Gebirgskette, welche das deutsche Hügelland gegen Nordwest beschließt, lag, von eignen grün umhegten Äckern, Wiesen und Weiden umgeben, ein weitläufiges Gehöfte, stellenweise mit alten Eichen und Buchen und mit jungem Anwuchs bestanden. Ein klares Bergwasser, zu einem mäßigen Teich gestauet, rauschte hindurch, inmitten erhob sich das stattliche strohgedeckte Haus, in mächtiges Fachwerk von Eichen gebälkt, bunt von Ziegeln erbaut. Seitwärts von dem gewölbten Tor des Vordergiebels standen die Pferde, dann auf beiden Seiten der langen Dehle die Kühe in offenen Ställen, im Hintergrunde, wo ein Kreuzgang, an der Seite mit kleinen Türen und hellen Fenstern, das Haus durchschnitt, lag in der Mitte auf bunt gepflastertem Grunde der niedrige Herd, von dessen starkem Gebälk der große Kessel herabhing. Hier an diesem traulichen und schönen Platze, der das ganze Haus übersah, sammelten sich abends Mann und Weib, Kind und Gesind; dahinter lagen die Stuben und Kammern mit den Webstühlen, rechts vom Herde in der freien Halle, Luchtvort genannt, stand der gemeinsame Eßtisch von blankem Eichenholz, wo Herrschaft und Gesinde gemeinschaftliches Gebet und gemeinschaftliches Mahl hielten. Über den Ställen befanden sich kleine Böden und Kammern, Bühnen genannt, an dem Herdende war das Schlafgemach der Mägde, bei den Pferden das der Knechte, und die Kammer des Bauern und seiner Frau hatte ihre Fenster nach dem Herde hin, so daß auch zur Nachtzeit das Auge des Hausherrn überall sein konnte. Das ganze Gebäude war bedeckt von einem ungeteilten Heu- und Kornboden, und der gewöhnliche Aufladeplatz befand sich auf der Tenne, welche vierspännig befahren werden konnte.« (H.E. Marcard, Der Bauernschinder, Eine Geschichte, wie es viele gibt, in: Hartmut Kircher (Hg.), Dorfgeschichten aus dem Vormärz, Frankfurt a.M. 1982, Bd.1, S. 84f.) Justus Mösers (1720-1794) oft zitierter Lesebuchtext über das niederdeutsche Bauernhaus war wohl Vorbild für diese idyllische Schilderung eines westfälisch-niederdeutschen Hallenhauses aus dem Jahre 1844. Es darf jedoch bezweifelt werden, ob es sich in einer derartigen Versammlung von Wohnung, Ställen und Wirtschaftsräumen unter einem Dach (Abb. 56, 59) wirklich behaglich wohnen ließ.

56 „Alter Bauernhof zu Borg“, 9 x 13,8 cm, Autotypie (Postkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Böhning, Quakenbrück)

Medizinische Zeugnisse und authentische Beschreibungen, sowie die Einrichtung einer »Stube« hinter dem offenen Kochraum nach der Einführung von Öfen, sprechen dagegen. Ein mehrmonatiger Versuch des Museumsdorfs Cloppenburg im Jahre 1974 ergab, daß die Temperatur in derartigen Häusern auch im Winter nur 4 – 6 Grad über der Außentemperatur lag. Abb. 59 wurde kurz vor der Jahrhundertwende von einem unbekannten Wanderfotografen belichtet.

57 „Puddelburg, alte Ansiedlung im Bärenbruch“, Bad Laer, 1890 (?) (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Hiltermann, Bad Laer)

Vorher wurden für dieses zeittypische Bild natürlich die Bildabnehmer samt Pferden und Hofhund vor dem Anwesen versammelt. Fast jeder Bauernhof der Umgebung besitzt ein derartiges Foto aus der Zeit der Jahrhundertwende. Der alte Bauernhof zu Borg (Abb. 56) stammt dagegen aus einer Postkarten-»Heimat-Kunstserie „Artland“«. Die beiden Bad Laerer Ständerhäuser auf Bild 58 stammen aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts.

58 „Brumm und Pulverturm“, Bad Laer, F. Hemmelskamp, 1904, 17,5 x 23 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Hiltermann, Bad Laer)
59 Hof Meyer zu Farwig, Harderberg, unbek. Wanderfotograf, 1895 (Medienzentrum Osnabrück)

 

»Brummenbernt«, wie der Bewohner des hinteren »Schlüterhuses« im Volksmund genannt wurde, fuhr den Botenwagen nach Osnabrück. Das rechte Gebäude mit der Dorfjugend davor wurde Pulverturm genannt. Initiator des Fotos war Wilhelm Heimsath (1851 – 1930/s.a. Abb. 286c), der mit einem Besen als Taktstock offensichtlich die Figurenkomposition festgelegt hat. Mit Hilfe des Fotografen F. Hemmelskamp dokumentierte er das Laer der Jahrhundertwende, brachte 1913 einen »Laerer Illustrierten Reiseführer« heraus und sammelte einheimische Trachten, Lieder und Heimatgedichte. Auch Abb. 57 entstand wohl in diesem Zusammenhang.

Die schäbigen, teilweise strohgedeckten Heuerkotten zeigen den Gegenpol bäuerlichen Wohnens. Diese »malerische« Lebenswelt existierte auch in unserer Region bis weit nach dem 2. Weltkrieg. Die prachtvollen Höfe des Artlandes und anderer Gegenden unserer Region, auf die in der entsprechenden Literatur immer wieder die Sprache kommt, waren die Häuser einer Minderheit. Die Ärmlichkeit der Wohnverhältnisse weiter Teile der Landbevölkerung: löchrige Lehmwände, undichtes Dach und winzige Fenster kommen auch auf Abb. 60, einem alten Kotten nahe Menslage, zum Ausdruck.

60 „Alter Kotten zu Schandorf“, 9 x 13,8 cm, Autotypie, Postkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Böhning, Quakenbrück)

»Das Haus (eine Kate, die einem Häusler gehörte, der das vordere Ende selbst bewohnte und die kleine Hinterwohnung für 60 Mark Jahresheuer vermietete) war schon recht alt und baufällig; an der einen Seite mußten sogar schon Stützen angebracht werden, damit der Winddruck nicht etwa einen plötzlichen Einsturz herbeiführte. Wir hatten selbstverständlich nur eine Stube, so lang wie eine Gefängniszelle und nicht ganz doppelt so breit, jedoch bei weitem nicht so hoch; ich konnte bequem an die Bretterdecke langen und brauchte dabei noch gar nicht einmal den Arm völlig auszustrecken. Nun, das reichte trotzdem einstweilen für uns beide; viel größer waren die Tagelöhnerwohnungen ja allgemein nicht, und dass – kostete eine kleine Wohnung im Winter auch nicht so viel Feuerung. (…) Außer der Stube gehörte zu der Wohnung noch ein kleiner steingedielter Vorraum mit einem Herdloch und etwas Bodenplatz; auch ein Fleckchen Gartenland für ein paar Gemüsebeete hatte uns der Häusler abgetreten. Einen Stall gab es nicht; wer sich von den Heuerleuten ein Schwein oder eine Ziege halten wollte, der mußte sich selbst auf seinem Gartenfleck einen kleinen Bretterstall aufschlagen; (…). Bald kam der Winter, scharf und strenge. Waren die Wände meiner Wohnung bis dahin nur feucht gewesen, so glitzerte jetzt an den Windseiten das blanke Eis daran, und wenn der Nordweststurm heulte, so flogen die Kattunvorhänge an den Fenstern hin und her. An der einen Wandseite hatten sich zu allem Überfluß einige Mauersteine gelockert, so daß die scharfe Zugluft von draußen eisig durch den Raum strich. Um aber das Maß voll zu machen, riß der Sturm auch noch ein großes Loch in das schadhafte Strohdach und in kurzer Zeit war der Boden voller Schnee geweht. Da mußte ich denn an der alten Kate über Weihnachten herumdoktern, so gut es gehen wollte. Der Häusler half mit, das Dach zurechtzuflicken, und Fugen und Mauerrisse stopfte ich zu mit allem, dessen ich habhaft werden konnte, mit Lappen, Werg und Stroh, um nur die grimmige Kälte fernzuhalten. Dennoch konnten wir das Stübchen kaum warmbekommen. Gewöhnlich saßen wir dicht an dem kleinen eisernen Ofen, ….« (Franz Rehbein, Das Leben eines Landarbeiters, S.252ff.) »Die Heuerhäuser waren äußerst primitiv. In der warmen Jahreszeit machten sich die Mängel weniger geltend, da die Bewohner die meiste Zeit im Freien zubrachten. Aber im Winter sprachen die Zustände oft auch bescheidenen Ansprüchen der Hygiene Hohn. Da es meistens an einer Kelleranlage fehlte, wurde das Gemüse, die Kartoffeln, Wurzeln, Rüben in den Durtichen unter der Bettlade aufbewahrt. Die Milch wurde auf Börten in der Stube aufgestellt. Wäsche trocknete man über dem Ofen. Der Amts-Physikus Dr. de Ruyter wies im Jahre 1816 die Regierung auf die schädlichen Folgen dieser Zustände hin. „Die Stube ist,“ so heißt es in seinem Bericht, „Wohn,- Schlaf,- Speise,- Garderobe,- Kinder,- Wochen,- Kranken,- Spinn,- und bei Professionisten Arbeitsstube und im Winter Milchkammer und Keller zugleich. – Wenngleich nun,“ heißt es weiter, „Gewohnheit den Nachteil äußerer schädlicher Einflüsse vermindert, so kann sie ihn doch nicht aufheben, und die Heuerleute genießen in dem langen Winter, bei Nacht und bei Tag so wenig einer reinen Luft, (…) daß sie unmöglich gesund und stark bleiben können.“« (Adolf Wrasmann, Das Heuerlingswesen im Fürstentum Osnabrück, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, Bd.44, 1921, S.26f.) Bis in das 20. Jahrhundert hinein hatte sich an diesen Gegebenheiten kaum etwas geändert. Fotografiert wurden jedoch mit Vorliebe die pittoresken Aspekte dieser Lebensweise. Der romantisierende Blick, häufig am Rande der Inszenierung, auf das einfache, aber beschauliche Landleben wurde in zahlreichen Postkartenserien etc. ungebrochen tradiert. Das »Mütterchen am Herdfeuer« gehörte zu den Standardmotiven dieses Genres (Abb. 61).

61 „Am Herdfeuer“, R. Lichtenberg, 8 x 8 cm, Diapositiv (Medienzentrum Osnabrück)

Das Atelier Lichtenberg, Osnabrück, beteiligte sich bis in die 30er Jahre hinein mit zahlreichen derartigen Fotos an überregionalen Wettbewerben. Ein spiegelbildlicher Ausschnitt aus diesem Foto wurde in den 20er Jahren unter dem Titel »Tägliche Arbeit« von R.u.E. Lichtenberg als Postkarte vertrieben. Der abgebildete Innenraum erlaubt trotz seiner Genrehaftigkeit noch Rückschlüsse auf damalige Lebensverhältnisse. Einen wesentlich realistischeren Eindruck eines Dieleninnenraums gewährt dagegen Abb. 63.

62 Hof Rieger, Innenaufnahme, Westerwiede, um 1910 (Medienzentrum Osnabrück Slg. Hiltermann, Quakenbrück)
63 Hof Mertelsmann, Wersche, 8,5 x 10 cm, Diapositiv (Medienzentrum Osnabrück)

Die sachliche Dokumentation einer alltäglichen Ansicht und die realistischen Details (herabhängendes Heu, die Würste und Schinken auf dem »Wiem«) sprechen für sich. Auch der Blick in die Eßküche des Vollerben Rieger in Westerwiede (Abb. 62), einem wirklich stattlichen Hofe, spricht eine realistische Sprache.

Die recht eigenwillige Bildkomposition zeigt den holprigen und löchrigen Boden genauso wie das karge Mobiliar und die Näppkes auf dem Tisch. Neben der Feuerstelle sitzt die Bäuerin in ihrer Sonntagstracht, und rechts am Bildrand ist eine Hausuhr zu erkennen. Wie aus dem Museum mutet dagegen die Diele auf Hof Roßmann (Abb. 64) an.

64 Hof Roeßmann, Diele, Wulften, o.J., 14,7 x 22,2 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Die Feierabendszene (Abb. 65) vor Eistrups Kotten ist nochmals eine der weit verbreiteten Genreaufnahmen.

65 „Eistrups Kotten, Powe“, 8,5 x 10 cm, Diapositiv (Medienzentrum Osnabrück)

»Porzellan, außer kleinen, blauberankten Meißener Kaffeetassen, war bis zur Wohnung des Bauern noch nicht vorgedrungen. Alle Eßgefäße waren aus Ton: getöpferte Teller, Kummen, beöhrte Näpfe, sog. Köpkes, flache Schüsseln in verschiedenen Größen und dergleichen. Alles, was hiervon im Tagesgebrauche war, hing während der Zwischenzeit an den Haken der Köpkenbord; nebenan in einem besonders zu solchem Zweck durchlöcherten Span die aus Birnbaum geschnitzten Eßlöffel, sowie der berühmte große Schlew, womit das Essen aufgegeben wurde. (…) Die Geschirre zum Kochen waren ebenfalls in nur wenig reichhaltiger Auswahl vorhanden. Am Herdfeuer der große brodelnde Kupferkessel, einige eiserne Stalenpötte, kleine Hälchen und Tiegel von Kupfer, und wer es zu erschwingen vermochte, besaß einen sogenannten »Spiesepot« aus Bronze, meist mit dicken Wandungen aus Glockenmetall (Glockenspiese) gegossen, daher sein Name. (…) Vorschriftsmäßig mußte an jedem Feuerherde eine Feuerstülpe bereit stehen, um in den Ruhepausen den Herd zu überdachen. (…)« (G. Trimpe, Das Mobiliar unserer Vorfahren, Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde des Hasegaues, H.4., 1895, S. 17ff.)

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