„Von dem bißchen Vergnügen“ – Vereinsleben

Vereinsleben

Seit ca. 1820 entwickelte sich Deutschland zum klassischen Land der Vereine. Vorläufer waren zahlreiche Clubs, Logen, Gesellschaften und Vereinigungen, die sich in ihren Statuten zumeist die »Beförderung des Gemeinsinns, den Genuß gesellschaftlicher Unterhaltung und die vertrauliche und freundschaftliche Annäherung ihrer Mitglieder« (Osnabrücker Adreßbuch 1837, Anzeige: „Club der Harmonie“) zum Ziel gesetzt hatten. In ihrer Zusammensetzung waren sie exklusiv großbürgerlich. Das gehobene Bürgertum schaffte sich einen Rahmen, in dem sich eigenes Standesbewußtsein entwickeln konnte. In der weiteren Entwicklung fand eine starke Differenzierung statt, und zahlreiche neue Vereinssparten entstanden. Vor allem nach 1870 setzte eine wahre Flut von Vereinsgründungen ein, wobei die gesellschaftliche Abgrenzung meist streng eingehalten wurde (z.B. bürgerliche und proletarische Gesangs-, Turn- oder Radsportvereine). Die »Vereinsmeierei« verfestigte so auch Standesgrenzen und Gruppenvorurteile. Wesentlich weiter zurück liegen jedoch die Wurzeln der Schützengesellschaften. Diese neben den berufsständischen Zusammenschlüssen wohl ältesten Bürgervereinigungen gehen zumindest bis in das 15. Jahrhundert zurück. Die Osnabrücker Schützenkette soll bereits aus dem 13. Jahrhundert stammen. Schützenfeste sind urkundlich für Osnabrück seit dem Jahre 1441 belegt. »Sie waren damals Vogelschießen benannt und stellten zugleich Waffenübung und Wettbewerb dar. Da die Sicherheit in der Handhabung ihrer Waffen durch die „Schützen“, in deren Hand der Schutz der Stadt bei feindlichen Angriffen lag, eine lebenswichtige Aufgabe war, wurde das Vogelschießen in alten Zeiten durch den Rat organisiert und auch finanziell gesichert. Im Wettbewerb wurde mit der Armbrust, später mit der Büchse auf einen hölzernen Vogel geschossen. Der beste Schütze – zumeist derjenige, der das letzte Stück des Vogels heruntergeschossen hatte – wurde belohnt und als Schützenkönig gefeiert.« (K.Kühling in: Osnabrück. 1200 Jahre Fortschritt und Bewahrung. Nürnberg 1980, S.113) Die Aufgaben des ländlichen Schützenwesens umfaßten neben der Verteidigung auch Löscharbeiten, Leichenbestattungen, Hilfeleistungen bei religiösen und karitativen Handlungen und den Treiberdienst bei Wolfsjagden. Die Schützen kamen aus allen Berufsständen und waren den Amtsvögten unterstellt. Vom allgemeinen „Vereinsboom“ profitierten zur Mitte des 19. Jahrhunderts auch die aufgrund mangelnder Aufgaben inzwischen fast verschwundenen Schützengesellschaften. Vor allem die jährlich stattfindenden Schützenfeste gehörten bald zu den beliebtesten Volksfesten im Jahresablauf. Einen ungewöhnlichen Blick auf das ungestellte Schützenfesttreiben im Jahre 1895 auf dem Ziegenbrink (Abb. 123) gewährt uns die Amateuraufnahme von Heinrich Meyer, Hutfabrikant an der Johannisstraße und natürlich selbst Mitglied des Neustädter Schützenvereins, dessen Schützenfest oder, wie es noch genauer auf der Rückseite des Fotos vermerkt ist, dessen Vogelschießen er mit der Kamera festgehalten hat.

122 Schützenkönig Fritz Tiemann und Königin Marie, Adjutant Glüsenkamp und Frau, Gretesch, R. Lichtenberg, ca. 1910, 10,7 x 16,4 cm Cabinetkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Zaun)
123 Neustädter Schützenfest, H. Meyer, 1895, 11,7 x 17 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Hier ist nichts inszeniert, nichts komponiert, nur kann man aus diesem Grunde leider nicht genau ausmachen, wo das Vogelschießen denn nun gerade stattfindet. Viele Besucher haben sich erhöhte Beobachtungsposten ergattert. Im Hintergrund sind Clowns, Akrobaten und Kamelreiter zu sehen; die meiste Aufmerksamkeit scheint jedoch der Fotograf mit seiner Kamera auf sich zu ziehen. Festumzüge (Abb. 125) gehörten um die Jahrhundertwende zum sicheren Geschäft für die ortsansässigen Fotografen, und auch sonst gab es mancherlei Anlaß für ein Erinnerungsfoto (Abb. 122, 124).

124 Herolde des Schützenvereins Iburg, Friedrich Niemeyer, Diekamp, Heinz Klostermann, 1890, 10,8 x 16,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Gemeinde Iburg)
125 Sedansfeier der Kriegervereins Schledehausen, G. Sander, 1897, 16,6 x 21,6 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz)
126
126 „Veteranen des Krieger-Vereins zu Hagen von 1864, 1866, 1870/71“, Geb. Schulze, 21.10.1911 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

Die zahlreichen Kriegervereine waren Ausdruck der für uns heute unbegreiflichen, fast götzenhaften Verehrung, die das Militär in allen Bevölkerungsschichten genoß. Die an den deutschen Sieg über die Franzosen 1870 erinnernden Sedan-Feiern (Abb. 126) wurden auch im Osnabrückischen unter Beteiligung vor allem des national gesinnten Bürgertums jahrzehntelang abgehalten. Eine besondere Rolle spielten die Turn- und Fußballvereine sowie die Kultur- und Bildungsvereine. »Turnvater« Friedrich Ludwig Jahn war trotz aller teutonischen Engstirnigkeit von dem Gedanken getragen, durch „vaterländisches Turnen“ eine Klassenunterschiede überwindende Nationalerziehung zu ermöglichen: »Die Turnkunst soll die verlorengegangene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wiederherstellen; der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen, der Überfeinerung in der wiedergewonnenen Männlichkeit das notwendige Gegengewicht geben und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen und ergreifen.« (Zit.n. H.Ueberhorst, Deutsche Turnbewegung und deutsche Geschichte. Friedrich Ludwig Jahn und die Folgen, In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage der Wochenzeitung „Das Parlament“, 15.7.1978, S.3f.) Waren es zunächst Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, bürgerlicher Freiheit und menschlichen Fortschritts, die die Turner förderten, so gerieten sie besonders nach 1871 immer mehr in den Sog eines machtstaatlich orientierten Imponiergehabes. Die »Deutsche Turnerschaft« mit ihrem Kaiserkult, ihrer Forderung nach verstärkter Wehrerziehung und ihrer Unterstützung der Innenpolitik Bismarcks im Kampf gegen die Sozialdemokratie war als Dachorganisation für die der Arbeiterschaft angehörenden Turner bald nicht mehr tragbar. 1893 wurde der Arbeiterturnerbund gegründet, der sich als Teil der Arbeiterbewegung verstand. In Osnabrück verlief die Entwicklung allerdings anders. Bereits am 28.Oktober 1849 gründete sich innerhalb des Arbeiterbildungsvereins von 1848 eine Turnergemeinde, der spätere „Männerturnverein“, ab 1893 „Arbeiter-Turner-Bund“ (Abb. 125).

127 Arbeiter-Turner-Bund Osnabrück, „Zur Erinnerung an das VII. Bezirks-Turnerfest zu Herford 1903“, 1903 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Meyer)

Ihm gehörten ausschließlich Mitglieder des Arbeiterbildungsvereins an. Die bürgerlichen Schichten organisierten sich erst 1861 im „Osnabrücker-Turn-Verein“. Der TV Jahn (Abb. 128 u. 129) in der Neustadt wurde 1897 gegründet.

128 Gruppenfoto zum 10jährigen Stiftungsfest des TV Jahn, R. Lichtenberg (?), 1907, 28,5 x 38,2 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schlegel)
129 Kunstturnriege des TV Jahn, 1908 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Striedelmeyer)
130 Radfahrer-Verein „Germania“, Westerhausen- Bannerweihe, A. Wehmann, Melle, 1909, 16,4 x 22,9 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Elsmeier)

Die aufwendige Fotomontage zum 10ten Stiftungsfest am 1. Juni 1907 wurde wohl im Fotoatelier Lichtenberg angefertigt. Sie zeigt die verschiedenen Abteilungen des Vereins, der bereits 1906 eine Damenabteilung ins Leben gerufen hatte, die auf dem Foto jedoch nicht in Erscheinung tritt. Für Abb. 131 hat sich der Hagener Athletenverein in typischer Symmetrie aufgebaut.

131 „Athletenverein Hagen 1910“, J. F. Dransmann (?), 1910 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

Das auf den Abb. 128 u. 132 vorkommende „Wappen“ ist ein in Kreuzform dargestelltes vierfaches F und steht für den Wahlspruch der Turner: „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“.

132 TV Gut Heil, Georgsmarienhütte, 1909 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

Auch bei den Fußballvereinen war diese Zweiteilung des Vereinswesens in bürgerliche und Arbeiter-Vereine zu vermerken. Ende der 80er Jahre entstanden in Deutschland die ersten Fußballvereine vor allem in Handels- und Universitätsstädten. Die Anregung kam von englischen Studenten, Kaufleuten und Ingenieuren. In den 90er Jahren folgte dann eine Phase der bürgerlichen Vereinsgründungen im Ruhrgebiet und im Rheinland; erste Arbeiterfußballvereine lassen sich auf das Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende zurückverfolgen (z.B. Schalke 04). In diese Phase läßt sich auch der 1908 gegründete Fußballverein „Victoria 08 Georgsmarienhütte“ (Abb. 133) als einer der ältesten des Osnabrücker Landes einreihen.

133 Fußballverein „Victoria 08 Georgsmarienhütte“, 1912 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

Das Foto von 1912 zeigt die I. Mannschaft mit dem Vereinsvorsitzenden Wilhelm Marksteller, links. Der „Deutsche Radfahrerbund“, die Dachorganisation der bürgerlichen Radsportvereine, zu denen auch der Radfahrverein „Germania“ aus Westerhausen (Abb. 130) gehörte, hatte 1906 bereits 45000 Mitglieder, in der Hauptsache Juristen, Ärzte, „Beamte aller Art“ und „besserer Mittelstand“.

Die Sportgeräte wurde hier noch vornehm „Bicycles“ genannt, in den entsprechenden proletarischen Vereinen fuhr man dagegen „Knochenschüttler“. Liedertafeln und Musikvereine runden das Bild des deutschen Vereinswesens vor und um die Jahrhundertwende ab. »Die Sänger, die Turner und die Schützen / die sind des Reiches Stützen«, so hieß es in einem geflügelten Wort dieser Epoche. Vor allem jedoch ging es in diesen Vereinen um die musikalische und gesellige Unterhaltung. Und: »Die musikalische Unterhaltung besteht hauptsächlich in mehrstimmigem Männergesang.« (Statuten der Alten Liedertafel Osnabrück, Osnabrück 1860). Neben der ernsthaften Musikpflege bestimmten Konzerte, Liederfeste, zahlreiche Ausflüge und die jährlichen Stiftungsfeste den geselligen Bereich dieser Vereine. Bereits 1876 ließ sich der „Hagener=Gesangverein!“ (Abb. 134) im Garten der Gastwirtschaft Herkenhoff (Fritken achtern Tohren) ablichten.

134 „Hagener = Gesangsverein! Erinnerung an 1876“, 1876 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermannn)

Der Posaunenverein Arenshorst (Abb. 135) präsentierte sich anläßlich seiner Gründung im Jahre 1890 dem Fotografen. Gruppenaufnahmen waren für den Fotografen immer ein gutes Geschäft, da für gewöhnlich jeder der Abgebildeten ein Bild abnahm.

135 „Posaunenverein in Arenshorst“, 1890 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Bohmte)

Das „Zeitalter der Feste“, so wird in einer anonymen sozialdemokratischen Flugschrift Anfang 1913 die Regierungszeit Wilhelms II. genannt. Schier zahllos sei die Menge der offiziellen Feiern, die in diesen 25 Jahren das Deutsche Reich über sich habe ergehen lassen müssen. Außerordentlich populär waren, den großen Vorbildern auch in der Provinz nacheifernd, die zahlreichen, sich häufig wiederholenden Festzüge zu den unterschiedlichsten Anlässen. Die bürgerliche Festlichkeit orientierte sich inmitten der sich schnell verändernden technischen Umwelt vor allem an der Vergangenheit. Feierlichkeit und Festlichkeit förderten den ideellen Rückhalt in der nationalen Identität und funktionierten gleichzeitig als Ablenkung von den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Spannungen. Abb. 136 zeigt den Osnabrücker Gesangverein „Accordium“ im Festzug anläßlich der „Fünfzigjährigen Jubelfeier des Katholischen Gesellen-Vereins Osnabrück 1859-1909“.

136 „Accordium im Festumzuge. 50jähriges Jubelfest des kath. Gesellenverein“, 1909 (Medienzentrum Osnabrück)

Die auf Abb. 137 gezeigte Postkarte trägt auf der Rückseite den Aufdruck: „Historischer Festumzug in Dissen. 1. Gruppe: Germanen, aus der Schlacht am Teutoburger Walde zurückkehrend. 9 n. Chr.“

137 „Historischer Festumzug in Dissen 1. Gruppe: Germanen, aus der Schlacht am Teutoburger Walde zurückkehrend. 9. n. Chr.“, 1911, 8,8 x 13,8 cm Fotopostkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Dissen)

Zumindest einige der herausgeputzten „Germanen“ scheinen Schüler der im Hintergrund an der Tür erkennbaren Rektoratsschule zu sein. Ausdruck der zunehmenden Technisierung und Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert war die Bildung zahlreicher landwirtschaftlicher Vereine. Besonders im Artland herrschte in dieser Beziehung eine sehr fortschrittliche Einstellung. Bereits 1838 wurde hier der „Landwirtschaftliche Verein Gehrde“ gegründet, dem 1839 ein entsprechender Badberger Verein folgte. Ziel dieser Vereine war die Verbesserung der Produktionsbedingungen für die Landwirtschaft. Auch der Artländer Pomologenverein (Abb. 138) von 1898 gehört in diesen Entwicklungszusammenhang.

138 Artländer Pomologenverein mit Frauen, um 1900, 12 x 17 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Menslage)

Ein Briefentwurf aus dem Nachlaß von Dietrich Voortmann, dem damaligen Vereinsvorsitzenden oder Schriftführer des 1898 acht Mitglieder zählenden Vereins, gibt weitere Informationen: »…Da die kgl. Regierung den Obstbau im deutschen Reiche zu beheben bestrebt ist, ist auch hier ein kleiner Pomologenverein ins Leben gerufen. Zwei Mitglieder desselben, die Herren Lehrer Oesing von hier (Groß Mimmelage) und zur Borg aus der Nachbargemeinde Borg wurden regierungsseitig bei Herrn Direktor Winkelmann im Obstbau und der Obstverwerthung ausgebildet. Auch die übrigen Mitglieder, Bauern wie ich, interessieren sich immermehr für diese Sache und so wurden Obstweinkelterei-Geräthe im Preise von reichlich 300 Mark angeschafft …« (Menslager Hefte, Mitteilungen des Heimatvereins, Heft 6. 1992). Die näheren Umstände, die zur Anfertigung von Abb. 139 führten, sind nicht bekannt.

 

139 „Überprüfung der Jagdscheine“, Der Oeseder Polizist Altrogge und Jäger aus Dröper u. Kloster Oesede um 1910 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

Die Jäger aus Dröper und Kloster Oesede waren zum Zeitpunkt der wohl scherzhaft gedachten Aufnahme nicht vollzählig zur Überprüfung der Jagdscheine durch den Oeseder Polizisten Altrogge erschienen, und so wurden die linke Person und der zweite oben rechts vom Fotografen nachträglich in das Gruppenbild einmontiert.

Feuer gehörte von jeher zu den elementarsten Bedrohungen jeder Ansiedlung. Kaum eine Ortschronik des Osnabrücker Landes, die nicht von verheerenden Großbränden zu berichten weiß. Verständlich also die zahlreichen, bis ins 14. Jahrhundert zurückgehenden Feuerschutzordnungen, mit denen die Städte und Gemeinden dieser Gefahr zu begegnen suchten. Aus der preußischen „Feuer- und Brandordnung“ vom 28. Juli 1772: »Stroh-, Rohr- und Schindel-Dächer nebst den Stroh-Poppen oder Docken, werden gänzlich untersaget. Soll niemand mit Licht oder Lampe des Abends im Stall, Scheune oder auf den Boden gehen, sondern mit einer Laterne. (…) Das Tobacks Rauchen wird auf der Strasse, Höfen, wo feuerfangende Materialien liegen und Werkstätten wo in Holz gearbeitet wird, bey 2 Rthlr. Strafe oder 8 tägigen Gefängniß bey Wasser und Brodt verbothen. (…) Bey 30 Stbr. bis 1 Rthlr. Strafe muß jeder Hauswirth einen, die Bemittelten aber zwei Feuer-Eimer und eine Hand-Sprütze mit dessen Namen gezeichnet im Vorhaus hengen haben.« Die Bischöflich-Osnabrückische Feuer-Ordnung vom 27. September 1787 war nicht ganz so rigoros. Hier galten die obigen Gebote nur eingeschränkt und sie waren kaum mit Geldstrafen verbunden. Den Kirchspielen wurden jedoch befohlen »mehrere gemeinschaftliche Feuerleitern« und »wenigstens eine große Schlangenspritze« anzuschaffen. Auch wurde geregelt, daß »ein Trupp von 12 bis 20 Mann, welche, wie auch der Spritzenmeister, so viel thunlich, aus den im Kirchdorfe wohnenden Zimmerleuten, Wagnern, Tischlern, Schmieden und Maurern genommen werden sollen, dazu zu erwählen und anzuweisen, daß sie bey entstehendem Brande die gemeinschaftlichen Leitern und Brandhaken an die Brandstelle schaffen«. Ansonsten wurden »sämtliche Eingesessenen« jeder Bauernschaft, in den Ortschaften nur einer aus jedem Haushalt verpflichtet, »mit ihren Eimern und Brandhaken alsbald nach dem Brande zu eilen.« Die ersten Freiwilligen Feuerwehren entwickelten sich um 1850 aus der Turnerbewegung. In Osnabrück geschah dies 1865, nachdem die Mitglieder des Männer-Turnvereins bei einem Großbrand 1864 im Ausflugslokal Bellevue die Löscharbeiten übernommen hatten. Sehr anschaulich, aber auch pathetisch wird dieses Ereignis in einem 50 Jahre alten Bericht beschrieben: »Auf Bellevue fahren die Flammen rauschend zum Himmel. Weißgelbe Flammenzungen mit einem roten Kern lecken empor, zucken hierhin und dorthin, bis der Wind von neuem hineinfährt, die Glut rauschen und das Gebälk des brennenden Hauses knistern läßt. Sengende Hitze strömt von der Brandstelle aus, wie Dämmerung senken schwere, schwarze Rauch- und Qualmschwaden sich über den Brand, der um so heller, strahlender, gleißender wirkt in seinem schrecklichen Vernichtungswerk. Da rennt einer von der Brandstelle fort, über den Feldweg der Stadt Osnabrück zu, Hilfe – weitere Hilfe – zu holen. Wer kann hier noch helfen? Die Turner Osnabrücks? Der Kurier von der Bellevue reißt in den Gassen der Stadt an scheppernden Hausklingeln, er rüttelt an schweren Haustoren. Und die Turner – die Turner Osnabrücks – begreifen den Augenblick der höchsten Gefahr, sie sind eine kleine, in einer hohen Idee zusammengeschIossene Gemeinschaft, in ihrem turnerischen Tun eine Mannschaft. Und sie eilen als Mannschaft zur Brandstelle, sie retten, was zu retten ist. Langsam sinkt der Brand in sich zusammen.« (zit. n. Neue Osnabrücker Zeitung, Pfingsten 1990, S.13) Die Pioniere der Turner-Feuerwehr sind zum Teil noch namentlich zu benennen, und dank eines Fotos von 1867 (Abb. 141) können wir sie uns auch heute noch vergegenwärtigen.

140 Turner – Feuerwehr, Osnabrück, R. Lichtenberg, 1915 (?), 34 x 59,6 cm, Fotomontage (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück)
141 Die Pioniere der 1865 gegründeten Turner – Feuerwehr, 12.2.1867 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Freiwillige Feuerwehr Osn. Stadtmitte)

In der Mitte der Gruppe sitzt, die Arme tatkräftig auf die Schenkel gestützt der Gründer und erste Hauptmann, Turnlehrer Schurig, in der unteren Reihe sind Wilhelm Rewwer (1. von links) und Jöllenbeck (4. von links) bekannt. In der mittleren Reihe als 1. von links der spätere Hauptmann Wanke und in der oberen Reihe als 2. von links Elstermann, als 4. der spätere Hauptmann Hölscher, als 5. Nordhaus und rechts Hermann Rewwer.Abb. 140 zeigt die Mannschaften der Turner-Feuerwehr kurz nach der Jahrhundertwende auf einer Fotomontage aus dem Osnabrücker Atelier R. Lichtenberg. Aus den 16 Pionieren ist eine große Mannschaft geworden, allein im Bildvordergrund zählt man über 80 Personen. Man übte am Turm auf Struckmanns Hof (oben links im Bild zu sehen) im Schatten der Katharinenkirche. Oben rechts ist ein Osnabrück-Panorama mit Blick von Süden einmontiert. Die Fotos der einzelnen Gruppen entstanden im Atelier, und es spricht für die Geschicklichkeit des Lichtenbergschen Retuscheurs, daß die Übergänge zwischen den Montageteilen kaum wahrnehmbar sind. Gegründet wurde die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr Schledehausen (Abb. 142) am 21.12.1884 seltsamerweise auf Beschluß des damaligen Kriegervereins zu Schledehausen.

142 Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Schledehausen, G. Sander, um 1897, 20,2 x 26,3 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz)

»Die ersten Mitglieder waren H.Wamhoff, Stock, und Büscher aus Schledehausen, H.Wilker aus Wissingen, Bettinghaus aus Deitinghausen, Herweg aus Wulften, H.Brüggemann aus Jeggen und Hartmann aus Ellerbeck. Der erste Ausbildungsleiter war der Kapellmeister Felgner aus Osnabrück. In den ersten Jahrzehnten nach der Gründung spielte diese Kapelle regelmäßig zu den Sedantagen (2.September) und auch jährlich zu „Kaisers Geburtstag“ (27.Januar)« (Schledehausen 900 Jahre, Hg. Heimat- u. Verkehrsverein Schledehausen 1990, S.75). Auch die Freiwillige Feuerwehr Belm entstand aus dem örtlichen Turnverein.Abb. 143 zeigt die Mannschaft im Jahre 1909 auf der 1903 erworbenen Handdruckspritze.

143 Freiwillige Feuerwehr Belm, 1909, 15,6 x 22,2 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Horstmann)

Eine rückseitige Beschriftung des Kartons gibt einige Namen an: unten rechts auf dem Wagen sitzend August Horstmann, links unten Wilh. Sielschott, der Feuerwehrhauptmann mit Vollbart, rechts daneben Bullerdiek, ebenfalls mit Vollbart, der Spitzbart oben rechts Bröker und in der Mitte auf dem Spritzenwagen kniend Wilh.Wibbelmann.

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