„Von dem bißchen Vergnügen“ – Sonntagsausflug und Feierabend

Sonntagsausflug und Feierabend

Im Rahmen des Industrialisierungsprozesses gewann die »Freizeit« eine besondere Bedeutung. Die Zunahme an entfremdeter Arbeit ließ die Sehnsucht nach arbeitsfreier Zeit, nach Entspannung, Kompensation und Regeneration, immer stärker werden. Mitte der 1880er Jahre wurde in der Industrie immer noch täglich elf Stunden – einschließlich samstags – gearbeitet, und auch auf dem Lande war der Feierabend kurz. Außer an Sonn- und Feiertagen, und nicht einmal diese waren für jedermann ein Ruhetag, gab es für den weitaus größten Teil der Bevölkerung kaum freie Zeit; Urlaub war weitgehend unbekannt. Das Arbeiterschutzgesetz von 1891 brachte zwar einige kleine Erleichterungen für Jugendliche und Frauen, aber erst mit der Einführung der 48-Stunden-Woche für Industriearbeiter und Angestellte durch den Rat der Volksbeauftragten 1918 wurde Freizeit auch für die unteren Schichten zu einem inhaltlich gefüllten Begriff. »Wenn ich die ganze Woche Staub geschluckt hatte, so blieb ich Sonntags nicht gern im Hause oder in der Wirthschaft. Wenn das Wetter nur einigermaßen gut war, ging ich über Land, …« (Carl Fischer, Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters, Hg. P.Göhre, Leipzig 1903, S.324). Erst recht gehörte der Sonntagsausflug in vielen bürgerlichen Familien zu den festen Gepflogenheiten: »Standardtour an schönen Sommertagen war eine Wanderung von Malbergen über den Dörenberg nach Iburg

91 Familienausflug zur Sutthauser Mühle, G. Sander, 1905/06, 6,1 x 7,4 cm rechter Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz)

Dazu fuhr man am Sonntag möglichst bald nach dem Mittagessen mit der Eisenbahn vom [Osnabrücker] Hauptbahnhof mit der Sonderkarte 4. oder 3. Klasse – nur Millionäre oder Snobs fuhren 2. Klasse – bis Malbergen, wanderte vom Bahnhof durch jetziges Werksgelände, ließ am Hang zur Rechten die kleine Kapelle und etwas weiter unmittelbar neben der Straße das Schloß Montbrillant liegen, um im Gesellschaftshaus des Georgsmarien-Bergwerks- und Hüttenvereins (heute Kasino) die erste Kaffeepause eintreten zu lassen und sich an dem schönen Garten mit seinen Teichen und Anlagen zu erfreuen. Die richtige Wanderung fing beim Aufstieg aus dem Kasino zur Höhe des Lammersbrinks an, der mit einem steingefügten Aussichtsturm gekrönt war. Zwischen Lammersbrink und Dörenberg lud das Forsthaus zur zweiten Pause ein, (…).

92 Gasthof zum Holter Berg, Heinrich Beinker, R. Lichtenberg, 1905, 12,2 x 17,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beinker)

Der Abstieg vom Berg führte nach Iburg oder zum Herrenrest, eventuell gleich zügig bis Oesede. Eine Bauernstutenschnitte mit Landschinken gehörte unbedingt zum festlichen Abschluß des Tages. (…) Die Rückfahrt von Oesede ging in drangvoll fürchterlicher Enge vor sich, da alle Abendzüge auf der Bielefelder Strecke nach Osnabrück überfüllt waren. (…)

93 Fahrradpanne, Tepelmann, 1905/10, 7,5 x 10,8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tepelmann)

Die kleineren Sonntagsnachmittags-Kaffeetouren führten in die nähere Umgebung, etwa zum Piesberg, zum Nettetal, zum Schmied im Hone, der damals links der Oldenburger Landstraße nahe Gut Hone lag, zum Steinkamp rechts dieser Straße, zur Blankenburg, Wiemeyer in Hellern, Reffelt in Gaste, Beiderwellen usw. (…)« Feiertage und vor allem das Pfingstfest gaben »…Veranlassung zu einer ganztägigen Wagentour. Wenn dazu ein Kremser bei Freese oder Brehe bestellt wurde, der die ganze Gesellschaft – mehrere befreundete Familien mit den Kindern – aufnahm, war das Glück vollkommen. (…) Den Hauptspaß bedeuteten die reichlich eingestreuten Picknicks, für die eine Unzahl fertig gestrichener Butterbrote, Platenkuchen und andere Leckereien, für die Erwachsenen ein nicht zu kleinkalibriger Siphon mit OAB und für die Kinder Selterswassersiphons und Himbeersaft zur Verfügung standen. Eingekehrt wurde etwa in Holte, Borgloh, Bissendorf oder Schledehausen oder Hilter, Rothenfelde, Iburg, Hagen, Tecklenburg, wo es mit absoluter Sicherheit – das war bereits einige Tage vorher bestellt – Bachforellen mit geschlagener Butter oder Spargel mit Schinken gab. Die Rückfahrt in den Abendstunden wurde zumeist dadurch dramatisch, daß die kleineren Kinder nacheinander einmal „mußten“, wobei keine Fahrtunterbrechung eintrat, da Onkel August (…) die jeweils „Müssenden“ über den rückwärtigen Rand des fahrenden Wagens „abhielt“.« (Karl Kühling, OSNABRÜCK. Altstadt um die Jahrhundertwende, Osnabrück 1969, S.24 ff.) Neben den traditionellen Kaffeehäusern wurden im Zuge der Verkehrsentwicklung auch die Bahnhofsgaststätten in das Ausflugsgeschehen einbezogen. Am Bahnhof Wittlage (Abb. 94) hat man 1902 den Tisch aus der Gaststube auf den Bahnsteig geholt.

94 Bahnhofsgaststätte Meyerskötter in Wittlage 1902, 12,6 x 17,7 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Form und Technik des Bildes lassen auf einen professionellen Wanderfotografen am Auslöser schließen. Die stolzen Zweiradbesitzer posieren natürlich mit ihren Velozipeds. Das Fahrrad links im Bild hat bereits eine Karbidlampe, Schutzbleche waren noch nicht so verbreitet. Wirt Meyerskötter posiert über allen mit Schnapsflasche und Glas. Im Gegensatz zu seinen Gästen ist er barhäuptig. Als Erwachsener ging man nicht ohne Kopfbedeckung aus. .

95 Ausflugskränzchen „Ostenwalde, 25. August 1905“, Martha Ellrich, Maria Wiebe, Lina Fischer, Amanda Wiebe, Agnes Wiebe, Marie Fischer, 1905, 11,5 x 15,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Grönegau Museum)
96 Sonntagsausflug junger Leute aus Eppendorf, der Roten Heide und vom Strubberg um 1912 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

Kegelbahnen waren in den Kaffeehäusern und Ausflugslokalen der Osnabrücker Umgebung fast obligatorisch; überdacht, wie auf Abb. 97, waren sie jedoch zumeist nicht Die Aufnahme, die den nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Wamhoff scheinbar in voller Bewegung zeigt, ist natürlich gestellt, die Kugel liegt ruhig auf dem Boden.

97 MdR Hermann Wamhoff auf der Kegelbahn im Hotel Waldfrieden, Schledehausen 1912, 7,7 x 10,7 cm Fotopostkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Wamhoff)

Die Kegelgesellschaft aus Gehrde (Abb. 98) posiert da wesentlich deutlicher.

98 Kegelgesellschaft in Gehrde 1891, 22 x 26 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kreismuseum Bersenbrück)

 

Sie versuchen zwar, eine zwanglose, natürliche Situation »zu bauen« (siehe die Kartenspieler und ihre Zuschauer rechts im Bild), das »Bitte jetzt nicht mehr bewegen« des Fotografen läßt jedoch alles zur Pose erstarren. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die Bewegungsunschärfe infolge der Kopfbewegungen des Boxers unter dem Tisch. Der Stammtisch (Abb. 99) und der Frühschoppen gehörten nicht nur in bürgerlichen Kreisen zu den Feierabend- und Sonntagsfreuden.

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99 Gasthaus Wiemann, Oesede, Schankraum mit Gästen aus der Nachbarschaft, ca. 1912, 8,5 x 13,3 cm Fotopostkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

Bei den Arbeitern war der Zahltag, also der Freitagabend dem Kneipenbesuch vorbehalten. Der Branntwein wurde häufig zum »Sorgenbrecher«. Der Arbeiter müsse geradezu, schrieb Friedrich Engels in der »Lage der arbeitenden Klasse«, im Trunk zeitweilige Befreiung suchen. Wenn er müde und erschlafft von seiner Arbeit heimkomme, finde er eine Wohnung ohne alle Wohnlichkeit vor: feucht, unfreundlich und schmutzig. Er bedürfe dringend einer Aufheiterung; er brauche etwas, das ihm die Arbeit der Mühe wert, die Aussicht auf den nächsten Tag erträglich mache. Das Wirtshaus war jedoch nicht nur Ort für Betäubung durch Alkoholkonsum. Es bot die Möglichkeit, seinesgleichen zu treffen und miteinander zu reden. Von der engeren Umgebung bis zum Weltgeschehen konnten hier Informationen ausgetauscht werden. Die Haltung einer Zeitung war vor der Jahrhundertwende selbst den Bürgerlichen häufig zu teuer. »Ohne Wirtshaus« sagte Karl Kautsky 1891, »gibt es für den deutschen Proletarier nicht bloß kein geselliges, sondern auch kein politisches Leben«. Geselligkeit im bürgerlichen Milieu vermittelt Abb. 100.

100 Im Freundeskreis, G. Sander, vor 1900, 12,2 x 17,3 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz)

Sie zeigt den Fotografen Georg Sander im Kreise seiner Freunde. Kinder und Frauen sind nur Zuschauer bei dieser Herrenversammlung. Abb. 101 erlaubt einen Blick in die kleinbürgerliche Wohnstube während einer Familienfeier.

101 Familienfeier 1920, 8 x 11 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kiel)

Der Ausnahmestatus, den die Fotografie in diesen Kreisen immer noch hatte, läßt sich an den unterschiedlichen Reaktionen der Abgebildeten ablesen. Dementsprechend selten lassen sich derartige Aufnahmen um bzw. vor 1920 finden. Zur bürgerlichen Bildung gehörte es, ein Instrument zu spielen. Häusliches Musizieren (Abb. 102) war ein wesentlicher Teil des geselligen wie gesellschaftlichen Lebens.

102 Hausmusik ca. 1912, 8,8 x 13,8 cm Fotopostkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück)

 

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