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„Von dem bißchen Vergnügen“ – Kuraufenthalt und Sommerfrische

Kuraufenthalt und Sommerfrische

In Imitation des aristokratischen Lebensstils, den Sommer und Frühherbst auf dem Schloß oder Landsitz und den Winter, die gesellschaftliche Saison, in der Stadt zu verbringen, fuhr zu Beginn des Jahrhunderts zunächst nur eine kleine Elite des Bürgertums in ein Sommerdomizil. Es dauerte nicht lange, und es erfreuten sich auch Badeorte am Meer und Kurbäder größter Beliebtheit. Da nicht jeder in Bad Pyrmont oder gar Baden Baden kuren konnte, entwickelte sich auch vor Ort ein reges Kurleben. »Bad Rothenfelde, die Perle des Teutoburger Waldes, verdient unter allen Solbädern Deutschlands an erster Stelle genannt zu werden. Seine berühmten Heilquellen, deren Wirkung seit über 100 Jahren zahlreiche Leidende die Gesundheit verdanken, sind die stärksten kohlensäurehaltigen Solquellen Deutschlands, die sich durch die neuesten Untersuchungen als stark radiumhaltig erwiesen haben.« So wurde der Kurort in einem Prospekt von 1913 angepriesen. Bereits 1811 war die Möglichkeit zur Nutzung als Heilquelle erkannt worden, und 1853 wurden die ersten Bäder in einem neuen Badehaus verabfolgt. Anfang der 1860er Jahre war der Kurbetrieb für die Lokalnachrichten immerhin so bedeutend, daß in den Osnabrückischen Anzeigen die neu eingetroffenen Kurgäste namentlich aufgezählt wurden. Ab etwa 1900 wurden der Bade- und Kurbetrieb in Bad Rothenfelde bevorzugt entwickelt. Dieses schlug sich auch in einer regen Bautätigkeit nieder. Das neue Badehaus mit einer repräsentativen Frontlänge von 170 m wurde in der Kurzeit 1909 dem Verkehr übergeben. Bild 109 zeigt das neue Gebäude auf einer in zeitgenössischer Manier colorierten Postkarte.

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108 Bad Rothenfelde, Wandelhalle, Trinkhalle, H. Hemmelskamp, 1914, 16,5 x 21,4 cm (Medienzentrum Osnabrück)
109 „Bad Rothenfelde am Teutoburgerwald. Neues Badehaus“, H. Hemmelskamp, 1910, 9 x 14 cm col. Postkarte (Medienzentrum Osnabrück)

Vorlage für diese Postkarte (Abb. 110) war eine Fotografie von H. Hemmelskamp.

110 Bad Rothenfelde. Neues Badehaus, H. Hemmelskamp, 1910, 16,8 x 22,8 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Die damals in der Werbefotografie üblichen „Verschönerungsmethoden“ mit Retuschen und dem Aufkleben von Staffagefiguren sind hier deutlich nachvollziehbar. Nicht sorgfältig handkoloriert, sondern ein echtes und für diese Region seltenes Zeugnis aus der Frühzeit der Farbfotografie ist Abb. 111.

111 Bad Rothenfelde,Neues Badehaus, 1909, 17,7 x 23,7 cm Farbkornrasterplatte Autochrom (Medienzentrum Osnabrück)
112 Bad Rothenfelde, Wandelhalle mit Gradierwerk, Knackstedt & Näther, Hamburg, 1910, 12 x 17,3 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück)
113 Bad Rothenfelde, Wandelhalle mit Gradierwerk, H. Hemmelskamp, 1910, 8,3 x 14 cm Postkarte (Medienzentrum Osnabrück)

Es handelt sich um den (modernen) Abzug einer Kornrasterplatte nach dem Autochrome-Verfahren. Ab 1907 wurden sie von der Fa. Agfa serienmäßig produziert. Blau, grün und rot gefärbte, unregelmäßig verteilte Stärkekörnchen auf einer panchromatischen Halogensilberschicht wirkten wie winzige Farbauszugsfilter, die nur Licht ihrer Eigenfarbe bis auf die Emulsion durchdringen ließen. Es entstand ein farbiges Dia auf einer Glasplatte, von dem damals allerdings noch keine Abzüge möglich waren. Einen Einblick in die damaligen Einrichtungen des Kurbetriebes erlaubt eine Reihe von Fotos, die seinerzeit zu Werbezwecken angefertigt wurden. Sie waren folgendermaßen kommentiert: »Trinkquelle (Abb. 108). Die Rothenfelder Sole ist von stark salzigem, nicht unangenehmem Geschmack und wirkt auf die Verdauung anregend bis beschleunigend. (…) In der Wandelhalle wird seit Frühjahr 1908 durch ein Mineralwasserhebewerk mit Trinkeinrichtung, das allen hygienischen Anforderungen entspricht, eine für den Kurgebrauch geeignete Sole, nach ärztlicher Vorschrift zum sofortigen Genusse verabfolgt.« »Elektrisches Vierzellenbad (Abb. 114).

114 Bad Rothenfeld, Neues Badehaus, Elektrisches Vierzellenbad, H. Hemmelskamp, 1914, 17,3 x 23 cm (Medienzentrum Osnabrück)

In dem neu angelegten elektrischen Vierzellenbade ist eine Einrichtung geschaffen, welche in geradezu idealer Weise den elektrischen Strom auf den Körper wirken lässt. (…) Eine genaue Dosierbarkeit der Stärke, wie die Möglichkeit, die Richtung des Stromes sicher zu bestimmen, gestatten nicht nur die Einwirkung auf Muskulatur und Nerven, sondern auch eine Beeinflussung der inneren Organe.« »Die Gesellschafts-Inhalatorien (System Prött) (Abb. 115) befinden sich, für Erwachsene und Kinder getrennt, im Mittelbau des Badehauses.

115 Bad Rothenfelde, Neues Badehaus, Gesellschaftsinhalation, H. Hemmlskamp, 1914, 17 x 23 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Dort ist die Einatmung von zerstäubter Sole in noch höherem Masse als am Gradierwerk möglich.« »Am alten Gradierwerk sind ausgedehnte Gartenanlagen und eine 85 m lange Wandelhalle, in der sich Verkaufsstände befinden (Abb. 112).« (Kurprospekt von 1913) Die Scherenkunst des Fotografen Hemmelskamp hilft auf Bild 113 die Dimensionen dieses kleinen aber feinen Holzbaus ins Gigantische zu verzerren. Wer sich eine Urlaubsreise erlauben konnte, genoß ein besonderes Prestige. Die große Masse der Fabrikarbeiter, der Handwerker und kleinen Angestellten, der Wäscherinnen und Dienstmädchen, Gehilfen und Lehrlinge, sie alle kannten »Urlaubsreisen« im heutigen Sinne nicht. Wer ein paar Tage frei hatte, der fuhr allenfalls einmal zu Verwandten aufs Land, und dort wurde meist noch bei der Ernte geholfen. Die »Sommerfrische« mit Familie und Dienstboten blieb den wohlhabenden Schichten vorbehalten und wurde zumeist in der näheren Umgebung verbracht. Wieder war es der Bau der Eisenbahnen, der auch hier Veränderung brachte. Die Entfernungen schrumpften, die See und die Berge, besonders die Alpen wurden zu bevorzugten Reisezielen. Aufregend waren schon die Vorbereitungen für eine derartige Familienfahrt. Hans Fallada beschreibt in »Damals bei uns daheim« die wochenlangen Vorbereitungen und tagelangen Packereien, die den Aufbruch in die Ferien kennzeichneten. Man verreiste ja nicht nur 14 Tage, sondern meist für die ganze Schulferienzeit, also für 6 Wochen und mit Sack und Pack und Gesinde. Wahre Riesenungetüme von Koffern mußten gefüllt, Geschirr, Bettzeug und überhaupt der ganze Haushalt mußten mitgenommen werden. Am Tag der Abreise benötigte man für die Fahrt zum Hauptbahnhof eine besondere Gepäckdroschke, die die Vielzahl der Kisten und Kästen und die tausend Utensilien samt den Passagieren aufnehmen konnte. Ein aufregendes und anstrengendes Unterfangen, da ja viele Familien am gleichen Tag in die Sommerfrische fuhren. Auch die Bahnreise war damals eine Strapaze, die viele Stunden dauerte und durch die Holzbänke der dritten Klasse (»zweiter« oder gar »erster« kam mit einer vielköpfigen Familie natürlich nicht in Frage) zu einem wahren Martyrium werden konnte. Das alles war jedoch nach der Ankunft schnell vergessen, und die von allen Familienmitgliedern lang erwartete Ferienseligkeit konnte beginnen. Am Badestrand beherrschten seltsame quergestreifte Badeanzüge für Männer und weite, stoffreiche Damenbadekostüme das Bild (Abb. 116).

116 „Blankenbuge 1904“, 1904,8,2 x 10,5 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tepelmann)

Sorgfältig beschriftet landeten die Ferienerinnerungen (Abb. 117) nach der Reise in den Photoalben.

117 „Erinnerung an das Kgl. Nordseebad Norderney“, Kunst-Atelier-Helios, 15.9.1907, 13,7 x 22,7 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Die Fotografen ländlicher Feriengebiete setzten vor allem auf die lokalen Kleiderformen, die bunten Trachten, die die städtischen Besucher in besonderes Entzücken versetzten und in denen sie sich zur Erinnerung gern ablichten ließen (Abb. 118).

118 Ferien in Rinteln, L. Feuerrohr, 1898/99, 10,7 x 16,6 cm col. Cabinetkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg Tepelmann)
119 „Städtische Flußbadeanstalt“, an der Nette ca. 1912 (Medienzentrum Osnabrück)

So mancher stolze Kamerabesitzer »schoß« bereits eigene Erinnerungsfotos für das Familienalbum. Immer wieder posierte man in bzw. vor der fremden Kulisse, (Abb. 120) und mit Hilfe des Selbstauslösers dokumentierten sie: »Wir sind hiergewesen!«

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120 „Ankunft in Berchtesgaden“, Tepelmann, 1907, 6 x 8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tepelmann)

Daß sich gerade bei diesen Amateurfotos doch noch so manches Fragment damaliger Reiserealität (Abb. 121)in unsere Zeit herübergerettet hat, ist um so erfreulicher.

121 „Nach Reit im Winkel“, Tepelmann,1907, 6 x 8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tepelmann)

Zum Abschluß dieses Themas noch ein Blick auf die Daheimgebliebenen, die sich bei »Luftw. 18º« in der »Städtischen Flußbadeanstalt« an der Nette (Abb. 119), nahe der Haster Mühle vergnügten.

Es handelte sich um »eine Schwimmbahn im Flusse selbst, die ausgebaggert und durch Spundwände seitlich abgestützt war. Ein Sprungbrett einfacher Art vergrößerte den sportlichen Komfort. Ein Plankenzaun rundherum und die allereinfachsten Kleiderablagemöglichkeiten – einige Zellen für gesetztere Herrschaften, im übrigen Haken an den Bretterwänden – vervollständigten die Anlage.« (Karl Kühling, OSNABRÜCK, Altstadt um die Jahrhundertwende, Osnabrück 1969, S.86f.)

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