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„Von dem bißchen Vergnügen“ – Jahrmärkte

Jahrmärkte

Carl Fischer beschreibt im 3. Band seiner Erinnerungen »Aus einem Arbeiterleben, Skizzen« (S.85ff) von 1905 einen Besuch der Oeseder Kirmes. Obwohl nicht direkt auf eines der Fotos beziehbar, gibt der anschauliche Bericht das Kirmestreiben um 1871 sehr lebhaft wieder. »Da kam der Herbst heran, da war in dem eine Stunde von der Stadt gelegenen Dorfe Oesede Kirmeß. Da hörte ich, daß es Sonntags viele hinmachen wollten, da wollte ich auch hin, da hatte ich nach Tische eine Stunde geschlafen, da machte ich mich auf den Weg, denn die Eisenbahn war noch nicht fertig. (…) Da befanden wir uns gleich mitten vor dem Trubel, da sagte der Braunschweiger [ein Arbeitskollege, den Fischer unterwegs getroffen hat] zu mir: „Jetzt wollen wir uns aber den ganzen Kram hier einmal ordentlich ansehn, wir fangen gleich hier vorne an, es wird keine Bude überschlagen.“ Aber die erste Bude war eine Pfefferkuchenbude, da sagte er: „Hier müssen wir etwas verzehren.“ Da lagen viele Honigplätzchen auf einem Haufen, da hielt er seine Hand darüber und fragte die Frau: „Was kostet der Griff?“ und sie sagte: „Das Stück einen Pfennig.“ Da kauften wir uns jeder ein Stück für einen Pfennig und aßen es auf, da gingen wir weiter an die zweite Bude, aber da gabs ebenfalls lauter Pfefferkuchen, da aßen wir wieder ein Stück für einen Pfennig. Dann kamen wir an die dritte Bude, da war ein Glücksrad, da nahmen wir jeder zwei Loose, da gewann ich nichts, aber der Braunschweiger gewann eine lange Tabakspfeife, da nahm er den Gewinn in Empfang und besah sich die Pfeife und sagte bedenklich: „Ich rauche ja garnicht.“ (…) Und so nahm er die Pfeife in den Mund als ob er rauchte, und dabei drängelten wir uns wieder eine Bude weiter. Aber diese war eine Schießbude. Da schoß ich nach der Scheibe, aber der Braunschweiger schoß einer beweglichen Figur eine kleine Gipspfeife aus dem Mund. Dann nahm er seine lange Pfeife wieder in den Mund, da kamen wir vor die fünfte Bude und besahen sie von auswendig, da war es eine kleine Panoramabude. (…) Da waren an zwei Seiten entlang kleine runde Glasscheiben angebracht zum Hindurchsehen, da konnte man ganz Paris und die Seine und alles sehen. Da hatten wir alles gesehen und wollten wieder weg, da kam der Panoramaherr und sagte: „Hier ist noch ein kleines Extrakabinet, wenn Sie das auch sehen wollen, das kostet die Person anderthalb Groschen.“ Da wollten wir das auch noch sehen und bezahlten, da schlug er einen Vorhang zurück, da konnten wir eintreten und wieder durch eine kleine Glasscheibe sehen, da sah man eine Frau im Hemde, die hatte Flöhe und fing sich Flöhe ab.« In einem Zeitungsartikel vom 23. März 1892 wird der Osnabrücker »Krammarkt«, wie er damals genannt wurde, beschrieben: »Wer sein Kleingeld mit aller Gewalt los werden will, für den bietet sich seltene Gelegenheit, er braucht bloß in den zahlreichen Buden einige Dutzend Mal mit den „Schießprügeln“ an den Papageien, Löwen und Affen vorbeischießen. (…) Carroussels von unglaublicher Höhe mit zwei Stockwerken, und darüber – ein Dach, laden zur Reise nach Amerika ein, allerdings weniger für durchbrennende Kassierer geeignet. Eine Hochzeit am Genfer See kann man sofort mitmachen im Theater Melich, das laut Annonce hierbei unter Wasser gesetzt ist. Hinrichtungen und Zulukaffern in großer Menge kann man für eine Kleinigkeit sehen; wer ein besonders „weiches“ Gemüth hat, kann den Folterungen des Mittelalters beiwohnen, in Summa Alles stilvoll und großartig und vor Allem noch nie dagewesen, wie einige der Budenbesitzer behaupten. Besonders ausreichend ist aber für Musikfreunde Sorge getragen. (…) Wie wir erfahren, sind nicht weniger als 28 Drehorgeln und 9 Musikbanden zur Ausübung ihrer musikalischen Thätigkeit zugelassen und 22 Schaubuden, Carroussels etc. auf dem Marktplatze aufgestellt. (…) Man geht heutzutage wenig mehr nach dem Markte, um Einkäufe zu machen, sondern meist nur, um zu sehen, zu naschen und sich zu amüsieren. Die Einen suchen ihr Vergnügen an den Kuchenbuden, die Anderen im Caroussel, die Dritten in den Schaubuden, die Vierten in den Tingeltangels, die Fünften in den allgemeinen Volksgesängen, welche an irgend einer Ecke von einem Drehorgelpaare entrirt werden, wobei denn von der Menge „Die Holzauction“ im Chorus mit frenetischer Begeisterung gebrüllt wird. „Die Holzauction“ ist nämlich der neueste in Berlin abgedroschene Gassenhauer, der jetzt seine Tournee durch die Jahrmärkte der Provinzstädte und Dörfer macht. Einige Schritte weiter plädirt ein „bescheidener Momentphotograph“ für die Güte seiner berühmten „Lichtaufnahmen in der größten Dusterniß“. Ein gutmüthiges Väterchen, allerdings nicht von hier, wird von dem „Bescheidenen“ eben freundlichst eingeladen: Kommen Sie rin, Männeken, for Sie kostet es nur 2 Jroschen, for Andere 20 Pf.« (Nds.Staatsarchiv, Dep 3b XVI, No.2, S.288ff. Der Jahrmarkt, Osnabrück, 23.März 1892) Auch auf der Bersenbrücker Kirmes (Abb. 103) herrscht großer Andrang.

103 Kirmes in Bersenbrück, Ridder, 1919, 7,4 x 7,4 cm rechter Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Bischöfliches Generalvikariat Osnabrück)

Schnellke’s Carousell wird noch 1919 von einem Pferd angetrieben, die Buden und sonstigen Attraktionen entsprechen sicherlich noch den älteren Beschreibungen. Vor allem die Jugendlichen verfolgten schon Tage vor dem Kirmesbeginn mit Spannung das Eintreffen der fahrenden Leute. In Bad Essen ist auf Abb. 105 von 1908/09 der Bären- und Kameltreiber die Attraktion für die Schulkinder.

104 Seiltänzer, Jahrmarkt in Melle ca. 1912, 8,5 x 13,3 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Grönegau Museum)
105 Jahrmarkt in Bad Essen, W. Wegmann, 1908/09, 12,3 x 17,2 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverin Bad Essen)

Ein unbekannter Amateurfotograf hat auf dem Jahrmarkt in Melle versucht, den Seiltänzer auf die Platte zu bannen (Abb. 104).Zahlreiche Ferrotypieportraits (Abb. 106) der o.a. »bescheidenen Momentphotographen« haben sich in den Photoalben erhalten.

106 Jahrmarktsfoto, „Pastor Schulz“, um 1900/05, 6,4 x 8,6 cm Ferrotypie (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Göhmann)

Diese Schnellfotos auf dunkel lackiertem Eisenblech waren billig, unzerbrechlich und nach wenigen Minuten verfügbar. Das Verfahren wurde bereits 1853 entwickelt und hielt sich bis in die 30er Jahre. Bereits ab ca. 1912 erwuchs der Jahrmarktsferrotypie mit verschiedenartigen Scherzpostkarten (Abb. 107) eine Konkurrenz.

107 Jahrmarkts-Scherzpostkarte um 1920, 8,7 x 13,5 cm Fotopostkarte (Medienzentrum Osnabrück)

 

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