Verkehrsentwicklung

Verkehrsentwicklung

Vor der Jahrhundertwende legte der Mensch die meisten Wege seines Lebens zu Fuß zurück. Der bereits zitierte Arbeiter Carl Fischer machte auf seinem Weg nach Kiel nur zufällig in Osnabrück Station und berichtet: »Da hatte ich zunächst von Melle aus wieder einen schönen Marsch, aber als ich in der Gegend von Ostercappeln einen Berg hinauf kletterte, um auf die Bremer Landstraße zu gelangen, da riß mir ein ganzes Stück von der Schuhsohle ab. (…), da mußte ich wohl oder übel nach Osnabrück.« In Osnabrück angekommen begegnete er einem anderen Reisenden: »Als ich wieder auf die Straße trat, kam Einer in flottem Gang in einem schlichten Sommeranzug und einem Gehstock den Berg herunter und wollte eben vorbei, da fragte er, ob ich mit wollte, da blieb er mir zur Seite und wir kamen ins Gespräch. Da hörte ich, daß er ein Händler oder dergleichen war und von Lemförde kam, wo er hatte Fische kaufen wollen, aber er hatte den Weg umsonst gemacht, denn die Fische waren zu theuer gewesen, da konnte er kein Geschäft damit machen.« (Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters, Neue Folge, Leipzig 1904, S.180f) Selbst Händler legen also völlig selbstverständlich auch größere Entfernungen zu Fuß zurück. Das Straßennetz des Königreichs Hannover war Mitte des 19. Jahrhunderts bereits gut ausgebaut. Die Chausseen waren befestigte Straßen mit Packlage, Steinschotter, Sandabstreu und seitlichen Gräben, mit Obst- oder anderen Bäumen bepflanzt. Die Straßenbau- und Ausbesserungsarbeiten erfolgten durch aufgebotene Hand- und Spanndienste der einzelnen Kirchspiele. Die Unterhaltung der Chausseen wurde aus den »Weggeldern«, die an den zahlreichen Weggeld-Hebestellen zu entrichten waren, finanziert. Auch die Landstraßen des Osnabrücker Landes waren mit einem Netz von Schlagbäumen oder Barrieren, wie man damals sagte, versehen, die jeweils etwa eine Meile (9323 m – hannoversche Landmeile) auseinanderlagen. Abb. 76 zeigt das Oeseder Weghaus, eine derartige Wegegeld-Hebestelle, an der Straße Osnabrück – Iburg.

76 Oeseder Weghaus um 1900, 30 x 38 cm, Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück)

Natürlich wurden Waren und andere Lasten auf Wagen transportiert. Diese beförderten vor allem die Produkte der Region: Steine, Ziegel, Kohlen, Leinen, Wolle, Baumwolle und natürlich das Salz der Rothenfelder Saline. Die Gewerbetreibenden rumpelten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein mit Pferd und landwirtschaftlichem Kastenwagen, die ungefüge und ungefedert, seit der Antike so gut wie keine Veränderung erfahren hatten, über die Straßen. Botenwagen brachten nicht nur die Produkte der Landwirtschaft, sondern auch die Post in die Städte. Postfahrer Löwe betreute um die Jahrhundertwende die Strecke Riemsloh – Melle (Abb. 77). Neben diesem festen Botenverkehr gab es natürlich die Postkutschen, die überwiegend Geschäftsreisende beförderten.

77 Postfahrer Löwe, Melle ca. 1914, Postkarte, 8,8 x 13,8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Voß)

Für die Strecke Osnabrück – Münster mußte man einen Tag rechnen. Poststationen gab es ungefähr im Abstand von jeweils drei Meilen; sie dienten der Rast und dem Pferdewechsel. Manch ein »Gasthof zur Post« erinnert noch heute an diese Zeiten. Auf Abb. 78 begegnen sich um das Jahr 1912 der elegante »Landauer« des Osnabrücker Hoteliers Phillipp Struchtrup und das Automobil des Hilteraner Arztes Dr. med. Hermann Blanckemeyer vor dem Gasthaus zum Wellendorfer Bahnhof von Heinrich Tepe.

 

78 Landauer und Automobil vor Gasthaus Tepe bei Borgloh, um 1912 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

Die Kutsche war immer noch das verbreitete Transportmittel der gehobenen Schichten. Das Automobil, es war immerhin schon so verbreitet, daß das Nummernschild eingeführt wurde, galt als Luxusgegenstand. Der glückliche Besitzer steuerte das knatternde und stinkende Gefährt natürlich nicht selbst, das besorgte ein Fachmann (d.h. Chauffeur).

Noch vor dem Automobil eröffnete das Fahrrad das Zeitalter des Individualverkehrs. Der »einfache Gedanke, einen auf zwei Räder befestigten Sitz mittels der Füße fortzubewegen« war dem großherzoglich-badischen Forstmeister Karl Friedrich Baron Drais von Sauerbronn bereits im Jahre 1816 gekommen. Er nannte sein Gefährt Velociped. Die Biedermeiergesellschaft sah im Fahrrad ein Kuriosum. Drais selbst wurde 1836 für geistesverwirrt erklärt; er starb 1851. Ursprünglich hatten die Fahrräder nur dem Sport gedient; man organisierte sich dazu in exklusiven Bicycle-Clubs (die Stahlfahrräder mußten zunächst aus England importiert werden). Erst als die »Knochenschüttler« durch Massenfabrikation billiger geworden waren, wurden sie ein allgemeines Beförderungsmittel für Arbeit und Freizeit. Um 1900 begannen die Stahlrösser, das Reitpferd aus seinem jahrtausendealten Monopol zu verdrängen. Auch die Bad Essener Polizei (Abb. 79), die hier vor Schloß Hünnefeld Aufstellung genommen hat, bedient sich inzwischen der modernen Fortbewegungsmittel.

79 Polizei Bad Essen vor dem Schloß Hünnefeld um 1900, 12 x 16,9 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Bad Essen)

Vierter von links ist Hilmar von dem Bussche-Hünnefeld, der als gedienter preußischer Offizier der Polizei ehrenamtlich vorstand.Das Foto der Bramscher Straße (Richtung Marktplatz) in Bersenbrück (Abb. 80) aus dem Jahre 1895 hat Seltenheitswert.

80 Die Bramscher Straße in Bersenbrück, C. zur Lage (?), 1895, 10 x 15 cm, Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. zur Lage)

Der Amateurfotograf Carl zur Lage hat hier eine für diese Zeit außergewöhnliche Momentaufnahme zustande gebracht, denn zumindest der rechte Radfahrer mußte sich ja, wenn auch langsam (man sieht fast das Vorderrad wackeln) bewegen. Die Szene wurde entsprechend bestaunt. Links schaut Bäcker Brinkmann mit Familie und Belegschaft den Radfahrern nach. Der Leiterwagen bezeugt, daß hier nebenher auch immer noch Landwirtschaft betrieben wurde. Rechts im Bild ist die 1856 erbaute und 1890 erweiterte evangelische Volksschule zu sehen. So wie das Fahrrad neben Roß und Reiter trat, gesellte sich das Automobil als »Benzinkutsche« zu Fuhrwerk und Chaise. 1886 hatten Langen, Daimler und Maybach die erste vierrädrige Motorkutsche gebaut. Ihren Zeitgenossen kamen diese Wagen zunächst plump und abscheulich vor, ohne die zugehörigen Pferde wirkten sie wie abgehackt. Die Modelle entwickelten sie jedoch rasch, so daß der Daimler-Benz, den »Grewings Hinnerk« 1908 erstand (Abb. 81), eigentlich schon ein überholtes Modell war.

81 „Hinnerk Grewings Daimler-Benz“, Bersenbrück, H. Grewing, 1908 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Grewing)

Immerhin war es das erste Automobil in Bersenbrück und wurde, nachdem es jahrzehntelang in Grewings Schuppen gestanden hatte, vom Mercedes-Museum aufgekauft. Das neueste Modell war dagegen der Tourenwagen (Torpedo-Karosserie), der im Jahre 1911 vor dem Hause Heitling in Melle (Abb. 82) mit seinen Insassen abgelichtet wird. Wenn auch das Steuer dem Chauffeur überlassen wird, die Hupe in Form einer mundbetriebenen Fanfare hält der stolze Besitzer fest in eigenen Händen.

82 Erstes Automobil in Melle 1911, 9,2 x 14,2 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Wie bereits erwähnt ging der entscheidende Impuls für die »Industrielle Revolution« vom Eisenbahnbau aus. Nachdem am 7. Dezember 1835 mit der Eröffnung der »Königlich privilegierten Ludwigsbahn« zwischen Nürnberg und Fürth in Deutschland das Eisenbahnzeitalter angebrochen war, gingen noch zwanzig Jahre ins Land, bis Osnabrück mit der Einweihung des Streckenabschnitts zwischen Löhne und Osnabrück am 21.November 1855 auf Schienen erreichbar wurde. An dieser ersten Linie lag auch der alte Bahnhof von Wissingen (Abb. 83), der vor kurzem abgerissen wurde.

83 Bahnhof Wissingen 1913, 10 x 14,2 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Finke)

Er stammte allerdings nicht aus dieser Frühzeit des Bahnbaus; lange Jahre befand sich an dieser Stelle nur eine sog. »Anhölte«. Erst 1908 wurde mit dem Bahnhofsbau begonnen, und am 2. Mai 1913, kurz darauf entstand auch dieses Foto, berichtete das »Osnabrücker Tageblatt«, daß das »neue Bahnhofsgebäude nunmehr unter Dach und Fach gebracht sei«. Die vollständige Strecke der »Königlich Hannoverschen Westbahn« bis nach Emden konnte am 19.Juni 1856 eingeweiht werden. Mit der Fertigstellung der Strecke Venlo – Hamburg im Mai 1874 entwickelte sich Osnabrück zum Eisenbahnknotenpunkt.
Zwei Jahre später, am 15. November 1876 war auch die Verbindung der »Großherzoglich Oldenburgischen Eisenbahn« über Quakenbrück fertiggestellt. Die Strecke Rheine – Quakenbrück wurde am 1. Juli 1879 eingeweiht.
Am 15. August 1886 begann der planmäßige Betrieb des sog. »Haller Wilhelm« auf der Staatsbahnstrecke Osnabrück – Bielefeld. Am 1. Mai 1900 folgte die Strecke Osnabrück – Delmenhorst, die bei Bramsche – Hesepe von der Oldenburger Strecke abzweigt, und auch die Wittlager Kreisbahn von Hunteburg bis Preußisch-Oldendorf hatte in diesem Jahr Eröffnung. Mit all diesen Streckenbauten gingen einschneidende Veränderungen des Landschaftsbildes durch umfassende Erdbewegungen, die Anlage von Zufahrtsstraßen, die Verlegungen von Flüssen und den Bau von Brücken einher. In Bohmte mußte z.B. bereits beim Bau der Strecke Venlo – Hamburg die Wehrendorfer Landstraße weiter westlich trassiert werden, damit sie zum neuerrichteten Bohmter Bahnhof führte, und das Bachbett der Hunte mußte weiter nördlich verlegt werden. Beim Bau der Wittlager Kreisbahn wurde dann noch an der Brockstraße ein Viadukt errichtet (Abb. 86).

Allgemein ist festzuhalten, daß die Eisenbahnstrecke, die mittels Einschnitten, Aufschüttungen, Tunneln und Viadukten durch das Gelände geführt werden mußte, auch die Landschaft dieser Region von der Mitte des 19. Jahrhunderts an entscheidend mitgeprägt hat. Die Verbindung Gütersloh – Ibbenbüren über Laer und Bad Iburg wurde 1901 in Betrieb genommen. Die erste Fahrt der Teutoburger-Wald-Eisenbahn fand am 19. Juli 1901 statt und wurde, wohl von der Hand eines Fotoamateurs, am Iburger Bahnhof auf zwei Panorama-Aufnahmen festgehalten (Abb. 84,85).

 84 u. 85 Eröffnung der Teutoburger Wald Eisenbahn, Iburg, 18.Juli 1901, je 5,5 x 17 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Gemeinde Bad Iburg)
86 Viaduktbau in Bohmte 1899 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Bohmte)

 

Weitere Streckeneinweihungen folgten am 31. Mai 1904 mit der Eisenbahnlinie Lingen – Quakenbrück und am 1. August 1915 mit der Aufnahme des Güterverkehrs auf der Kleinbahnstrecke Bersenbrück – Ankum, auf der ab August 1920 auch Personen befördert wurden. Einen Blick in den Fahrdienstraum des Bohmter Bahnhofs um 1913 gewährt Abb. 87.

87 Bahnhof Bohmte, Fahrdienstraum um 1913, 12,7 x 17,8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kulturring Bohmte)

Von links sind H. Unger, Krause, Diersmann, A. Wilkens (der Bahnhofsvorsteher), W. Fülling und H. Brüning zu sehen. Per Morseapparat (links) wurden die einzelnen Zugmeldungen entgegengenommen und weitergegeben. Jeder durchfahrende Zug mußte mit genauer Uhrzeit und eventuellen Abweichungen vom Fahrplan im Zugmeldebuch (rechts) vermerkt werden. Hinten rechts ist die Blockanlage sichtbar. Über den sog. Befehlsschrank wurden die Anweisungen vom Fahrdienstleiter für die einzelnen Streckenabschnitte übermittelt. Nach dem Bau der Eisenbahnlinien erregte ab 1906 eine andere Großbaustelle in der Osnabrücker Region das öffentliche Interesse. Die umfangreichen Arbeiten am »Weser-Ems-Kanal«, heute Mittellandkanal, zwischen dem Dortmund-Ems-Kanal bei Bergeshövede und der Elbe bei Magdeburg dauerten fast zehn Jahre. Am 1. November 1915 wurde der Kanal offiziell dem Verkehr übergeben und am 3. April 1916 konnte der erste Schleppkahn, von Bremen über Minden kommend, in den Osnabrücker Hafen einlaufen. Das spektakuläre Bauereignis wurde in zahlreichen Postkarten fotografisch vermarktet. Der Bramscher Fotograf und Verleger Rudolf Gottlieb und auch der bekannte Osnabrücker Fotograf Rudolf Lichtenberg beteiligten sich an diesem Geschäft (Abb. 88,89).

88 „Ems-Weser-Kanal. Der Bagger bei der Arbeit in Kalkriese bei Engter“, R.Gottlieb, 1913, 9 x 13,7 cm, Autotypie Postkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Böhning)
89 Kanalbau bei Bad Essen, R.Lichtenberg, um 1912, 8,6 x 13,4 cm, Fotopostkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Bad Essen)

Eine Ausnahme zu den sonst üblichen Baustellenfotos bildet Abb. 90: Die Kanalarbeiter erhalten ihre Lohntüten.

90 Lohnausgabe beim Kanalbau ca. 1914 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimat- u. Wanderverein Venne)

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