Seite drucken

Momente und Ereignisse – Dokumentarfotografie – Luftschiffunglück am Limberg, 1910

Luftschiffunglück am Limberg, 1910

Der Unfall des Z. Vll „Deutschland“ Die deutsche Luftschiffahrt hat wiederum einen schweren Verlust zu beklagen, und diesmal ist er besonders schwer und schmerzlich. Das erste Verkehrsluftschiff Deutschlands, das vor wenigen Tagen seine das Aufsehen der Welt erregende glänzende Fahrt nach Düsseldorf vollführte, liegt zerschellt auf einem Bergrücken des Teutoburger Waldes in der Nähe der Stadt, bei Wellendorf. Der stolze Luftkreuzer ist nur noch ein Wrack, ein Bild fast vollständiger Zerstörung. Wie überraschend diesmal alles kam! Niemand hatte auch nur davon erfahren, daß überhaupt eine größere Fahrt geplant sei. Ganz unverhofft meldete plötzlich der Draht, das neueste Zeppelinluftschiff, das siebente und vollkommenste der schmucken Kreuzer der Lüfte, die in den Werkstätten am Bodensee entstanden sind, nähere sich in schneller Fahrt Osnabrück. Es habe über Münster geschwebt, bereits die Münsterische Ebene überquert und sei im Begriff, von lburg aus den Teutoburger Wald zu überfliegen. Man hielt das hier anfangs alles für einen Scherz. Doch als die Nachricht sich mit Bestimmtheit wiederholte, wurde man in weiten Kreisen von außerordentlicher Spannung erfaßt. Und dann kam auch schon plötzlich die Unglücksmeldung, die die freudige Erregung jäh unterbrach. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch die Stadt. In kurzer Zeit war kein Automobil mehr zu haben. Gegen ½ 7 Uhr fuhr der erste Wagen von Osnabrück die Chaussee nach Wellendorf hinauf. Noch während der Fahrt vermochte niemand der Insassen an die Möglichkeit zu denken, daß von dem Luftriesen vielleicht nur noch ein Trümmerhaufen geblieben sein könnte, wie es tatsächlich fast der Fall ist. Die Hoffnung auf einen nicht so unglücklichen Ablauf des Unfalls schien sich zu bestätigen, als kurz vor Wellendorf der Ausruf: „Da ist er!“ auf den schimmernden Leib des Luftschiffes hindeutete, der zur rechten Hand auf dem Grün der Bäume des Höhenzuges lag. Wenn man auch bereits sehen konnte, daß der hintere Teil, etwa ein Drittel der ganzen Länge, von einer Bruchstelle ab, fast vollständig hinweggesunken und vielleicht zerbrochen war, so hatte man dem Anschein nach doch immer noch Grund zu hoffen, daß das Unglück von nicht annähernd solcher Tragweite sein werde, wie die vorhergehenden Katastrophen. Aber es sollte anders kommen. Das Automobil fuhr jetzt auf der alten Borgloh-lburger Chaussee – näher ist übrigens die Fahrt über Herrenrest – zum Limberg, der als Unglücksort herausgefunden worden war. (…)

169
169 „Unglück des Passagierluftschiffes“Deutschland“Zeppelin VII am Limberge bei Wellendorf- Hilter“, H. Beucke, 17 x 22 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Nach kurzer Wanderung konnte man das Luftschiff nun bereits in ziemlicher Nähe liegen sehen. Sofort erkannte man auch die schwierige Lage an für Fuhrwerke fast unzugänglicher Stelle, weitab von den Straßen, von dichtem Wald umgeben, oben auf dem Berge. Der mächtige Ballonkörper, der anfangs noch hoch die Bäume überragte, erschien wie vom Winde in das grüne Dach der Bäume hineingedrückt. Ruhig und bewegungslos lag jetzt die helle Masse da. Trotz der Verstümmelung konnte man doch noch so recht die bei seiner Größe doch wunderbar ebenmäßige Form des Ungetüms erkennen. (…) Noch ein paar Schritte durch den Wald, und man stand vor dem Vorderteil des gigantischen anderthalbhundert Meter in der Länge messenden und doch so fast durchsichtig leichten Luftschiffkörpers. Wie ein Märchen mutete es einen an, den weißen Segler hier in den dichten Wald verschlagen zu finden. Nun erst konnte man die ganze Tragweite des Unglücks erkennen. Klaffende Risse zeigten sich überall, die Hülle war von den Bäumen aufgeschlitzt. Einige der Mitgefahrenen waren die Wendeltreppe durch das Schiff zu der oberen Plattform emporgestiegen, um sich zu orientieren. Zuerst meinte man noch, die Zahl der Beschädigungen feststellen zu können, aber je weiter man an dem von Bäumen verdeckten Riesenleib herunter ging, je schwerer zeigte sich das Zerstörungswerk. Die vordere Gondel war noch einigermaßen unversehrt, auch die Kabinen hatten keinen nennenswerten Schaden erlitten. Aber dann mit einem Male ein Bruch von oben bis untendurch! Das Gestänge war zersplittert, die Hülle hier vollständig zerrissen, die Stücke lagen überall am Boden herum. Das Innere des Luftschiffes lag offen da. Dicke Tannen ragten im Innern empor und hatten die Ballonets zerstört. Mitten in dem Gewirr bemerkte man die großen Benzinbehälter. Je weiter man sich nun zur Besichtigung des hinteren Teils des Luftschiffes wandte, je trostlosere Verwüstung zeigte sich. Mit welcher Wucht hier die Berührung mit den Bäumen erfolgt sein muß, davon gaben eine Anzahl gebrochener oder entwurzelter starker Tannen Zeugnis. Oberall hingen in dem Gezweig Stücke des Luftschiffes herum, die scharfe Aststümpfe an sich gerissen hatten. Der Schluß bildete nichts als einen Trümmerhaufen. Fast kein Stück ist dort brauchbar geblieben. Uberall hängen auch hier Fetzen der Hülle herum. Dicke Bäume sind geknickt wie Streichhölzer. Die großen Propeller sind zerschlagen oder verborgen. Sogar die metallene hintere Gondel ist durchlöchert und zerstoßen. Das Luftschiff ist, wovon man sich bald überzeugen mußte, vollständig verloren. Was das Unglück eines „Zeppelin“ für die Bevölkerung bedeutet, sollte man auch hier bald daran erkennen, wie von allen Seiten, mit der Bahn, auf Gespannen, mit Automobilen, Fahrrädern und zu Fuß die Leute aus Bielefeld, Münster und Osnabrück usw. herbeikamen. Ja, der Zustrom dauerte sogar bis in die späte Nacht immer noch an und setzte sich heute in verstärktem Maße fort. (…) Wie stark die Menschenmenge war, die z.B. nur aus Osnabrück herbeigeeilt war, zeigten nachts die überfüllten Züge, die die Station Wellendorf verließen.

170 „Unglück des Passagierluftschiffes“Deutschland“Zeppelin VII am Limberge bei Wellendorf- Hilter“, H. Beucke 29.6.1910, 10 x 15 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

Nun ist die Frage: Wie hat das Unglück geschehen können? Darüber ist bis jetzt bekannt, daß zunächst das Luftschiff durch starken Wind von Münster nach Osnabrück abgetrieben wurde, daß dann weiter im Kampfe mit dem Unwetter Gas- und Benzinverlust den Führern Sorge machten. Nach dem Kreuzen über Kattenvenne, und als man von Ostbevern aus militärische Hilfe erbeten hatte, diese aber nicht rechtzeitig erhielt, suchte man Osnabrück zu erreichen. Das Fahrzeug kam bis über das Schloß in Iburg, dort wurde es etwa 4 Uhr gesehen, und trieb dann in der Richtung nach Melle ab. Aus einer Höhe von 1300 Metern wurde man plötzlich durch einen niedergehenden Luftstrom und das Gewicht der Niederschläge heruntergezogen. (…) In der Nähe des Limberges kam man in ein Schneegestöber mit Regen, wodurch die Orientierung sehr erschwert wurde. Bei der niedrigen Fahrt hatten einige Insassen Ordre, herauszuspringen, sobald es möglich sein sollte, um das Gewicht des Schiffes zu vermindern. Plötzlich stieß die hintere Gondel auf. Ein Mann sprang aus der Gondel heraus und blieb an einem Baum hängen. Gleich darauf stieß ihn die Gondel vom Baum hinab. Dabei hat der Betreffende einige Verletzungen erlitten. Das ist die einzige Person überhaupt, die verwundet worden ist. (…) Bei dem Aufstoßen war das Luftschiff mitten durchgebrochen. (Osnabrücker Zeitung v. 29. Juni 1910)

Dissen, 2. Juli. Eine Serie wohlgelungener Original-Postkarten und Photographien ist von der Firma H. Beucke und Söhne, Dissen, von der Zeppelinkatastrophe angefertigt worden. Originalaufnahmen in tadelloser Ausführung, die Serie Postkarten 8 Stück 1,50 M; 13/18 cm 8 Stück 3,50 M.

Wellendorf, 2. Juli. (…) in den Warteräumen der Station haben sich Ansichtskartenverkäufer, sehr verschieden in Typus, Geschlecht und Zunge, eingerichtet, mit unerschütterlichem Wortschwall, suchen sie die ältesten Zeppelinkarten anzubringen. (…) (Osnabrücker Zeitung v. 2. Juli 1910)

171 „Unglück des Passagierluftschiffes“Deutschland“Zeppelin VII am Limberge bei Wellendorf- Hilter“, H. Beucke 29.6.1910, 10 x 15 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

 

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://www.medienzentrum-osnabrueck.de/momente-und-ereignisse-dokumentarfotografie-luftschiffungluck-am-limberg-1910/