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Momente und Ereignisse – Dokumentarfotografie – Ein Amerikaner sieht Buer, 1890

Ein Amerikaner sieht Buer, 1890

In der Zeit von 1830 bis 1860 wanderten aus dem Osnabrücker Raum rund 60.000 Menschen in die damaligen amerikanischen Freistaaten aus. Allgemeiner Hintergrund war die katastrophale wirtschaftliche Entwicklung infolge der Erfindung von Web- und Spinnmaschinen. Unter den zahlreichen Passagieren der »Hermann«, die im August 1853 Bremen in Richtung New York verließ, befand sich auch Rudolf Göbel aus Buer. In seiner Auswanderungsakte heißt es: »Der am 20. Februar 1835 zu Buer geborene Rudolf Heinrich Gustav Göbel wünscht mit Genehmigung seines Vaters, des Kaufmanns Göbel zu Buer, nach Amerika auszuwandern und hat zu diesem Zwecke um Erteilung eines Auswanderungs-Consenses gebeten. Der Supplikant hat sich zum Seemann ausbilden wollen und auch schon verschiedene Reisen zur See gemacht. Nach seiner letzten Reise nach China hat derselbe aber das Unglück gehabt, im Hafen zu Hamburg aus den Masten zu fallen und in Folge dessen den Oberschenkel des linken Beines zu zerschmettern. Das linke Bein ist nun um etwa 1½ Zoll kürzer geworden als das rechte, so daß der Supplikant sowohl zum ferneren Seedienste, als zum Militärdienste untauglich geworden ist. Unter diesen Umständen hofft derselbe in Amerika sein Glück besser machen zu können als hier, namentlich da ein naher Verwandter, der sich bereits in Amerika befindet, für das Fortkommen desselben Sorge tragen zu wollen sich angeboten hat.« (Niedersächsisches Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 335, Nr. 785, S.1539). Bekannt ist hierüber hinaus nur, daß ein R. Goebel seit 1856 In St. Charles, Montana eine »Bewährte Photograph=Gallerie« (Abb. 149) eröffnete und über lange Jahre mit Erfolg betrieb.

149 „R.Goebel’s Bewährte Photograph – Gallerie“, Rückseite einer Visit – Karte, 1876, 6,2 x 10,4 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Wohlhabend geworden, kehrte er um 1890 in seinen Heimatort Buer zurück, um Verwandte und Bekannte der Familie zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit fertigte er ein Fotoalbum mit 25 Aufnahmen des Ortes und seiner Bewohner an. Auf welchem Wege das Album vor Jahren in einer Truhe des Grönegau Museums in Melle landete, kann heute leider nicht mehr nachvollzogen werden. Das Vaterhaus des Fotografen gehört zu den ersten Motiven, die in dem Album zu finden sind. Das langgestreckte Gebäude (Nr.100) an der Südseite des Kirchhofs (Abb. 150) war von mindestens 1822 – 1880 im Besitz der Familie Göbel.

150 Haus Göbel am Kirchhof, R. Goebel, 1890, 18 x 24 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Buer)

Von 1863 bis 1873 wohnten hier auch der Postverwalter Ulrici und sein Vater Johannes Ulrici (1804 – 1890), der der letzte Amtsvogt von Buer gewesen war. Auch für dieses Foto haben sich die Bewohner vor ihren Häusern versammelt und in Pose gestellt. Natürlich waren es vor allem die Kinder des Ortes, die das Treiben des Fotografen neugierig verfolgten. Waren sie sonst für den Berufsfotografen häufig eher lästig, so wurden sie von dem amerikanischen Besucher scheinbar extra hereigerufen (Abb. 151 – 153) um seinen Fotos einen erhöhten Erinnerungswert zu verleihen.

151 „Einfahrt in Buer“, Blick auf das Osnabrücker Tor, R. Goebel, 1890, 18,7 x 24 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Buer)
152 „E. Struck und Dr. Seitz Wohnhaus“, Blick in die ehem. Brennerstraße, R. Goebel, 1890, 18 x 24 cm Albuminpapier  (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Buer)

Auch die Ziegen auf Abb. 153 gehörten in diesem Sinne zum alltäglichen Straßenbild, sie wurden in fast jedem Haushalt gehalten.

153 „Dorfstraße“, Der alte Tie von Buer, R. Goebel, 1890, 18 x 24 cm Albuminpapier

(Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Buer)

Die Realistik einiger dieser Fotos wird auf der Baustellenansicht des nördlichen Teils der Kirchhofsburg (Abb. 154) besonders deutlich.

154 „Hinter der Kirche“, R. Goebel, 1890, 16 x 24 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Buer)

 

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