Momente und Ereignisse – Dokumentarfotografie – Der Erste Weltkrieg, 1914 – 1918

1. Weltkrieg, 1914 – 1918

177 „Osnabrück Johanniskirche 3.8.1914 Mobilmachungsbefehl“, 1914, 8 x 10,4 cm (NLA Sta Os, Dep. Stadt Osnabrück, Militaria B, Fach 22 Nr. 28)

»In Osnabrück durchzieht ein Gewoge von Menschen die Straßen. Um 6 Uhr abends [am 1.August 1914] wird der Mobilmachungsbefehl bekanntgegeben. Auch der Landsturm der Jahresklassen 1869 – 1875 wird aufgerufen. Am Montag eröffnen die Franzosen ohne Kriegserklärung die Feindseligkeiten. Der deutsche Reichstag tritt zusammen. Der Kaiser prägt das Wort „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“. (…) Ich trete mit einer Reihe befreundeter Kameraden in die von unserem Landsmann Universitätsprofessor Dr. Heisenberg geführte 2. Kompanie ein. Am 24. August ziehen wir zu einer größeren Felddienstübung hinaus. Am Wulfter Turm stellen wir eine Feldwache auf. Drei Tage später steht das von Major von Bencken geführte Bataillon marschbereit. Am 27. August geht es nach Belgien. Abends 7.30 Uhr setzt sich der Transportzug in Bewegung. Unter den Klängen der „Wacht am Rhein“ lassen wir im Fledderbahnhof die tausend und abertausend Menschen zurück, die gekommen sind, den Landsturm zu verabschieden.« So schildert der Osnabrücker Lehrer Karl Koch (1875 – 1964) in seinen Erinnerungen den Beginn des 1. Weltkriegs in Osnabrück.

178 „Osnabrück Kaiserwall April 1915. Jugend(liche Kriegsfreiwillige?) des Ratsgymnasiums und Karolinums ziehen mit der Schülerkapelle zu Netterheide“, 1915, 8 x 10,4 cm (NLA Sta Os, Dep. Stadt Osnabrück, Militaria B, Fach 22, Nr. 25)

»Als wir zum Bezirkskommando gingen, waren wir noch eine Klasse von zwanzig jungen Menschen, die sich, manche zum ersten Male, übermütig gemeinsam rasieren ließ, bevor sie den Kasernenhof betrat. Wir hatten keine festen Pläne für die Zukunft, Gedanken an Karriere und Beruf waren bei den wenigsten praktisch bereits so bestimmt, daß sie eine Daseinsform bedeuten konnten; – dafür jedoch steckten wir voll ungewisser Ideen, die dem Leben und auch dem Kriege in unseren Augen einen idealisierten und fast romantischen Charakter verliehen. Wir wurden zehn Wochen militärisch ausgebildet und in dieser Zeit entscheidender umgestaltet als in zehn Jahren Schulzeit. Wir lernten, daß ein geputzter Knopf wichtiger ist als vier Bände Schopenhauer. Zuerst erstaunt, dann erbittert und schließlich gleichgültig erkannten wir, daß nicht der Geist ausschlaggebend zu sein schien, sondern die Wichsbürste, nicht der Gedanke, sondern das System, nicht die Freiheit, sondern der Drill. (…) Wir wurden hart, mißtrauisch, mitleidlos, rachsüchtig, roh – und das war gut; denn diese Eigenschaften fehlten uns gerade. Hätte man uns ohne diese Ausbildungszeit in den Schützengraben geschickt, dann wären wohl die meisten von uns verrückt geworden. So aber waren wir vorbereitet für das, was uns erwartete.« (Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues, Köln 1987, S.25 u.29)

 

179 „Rektor Hans Valentin, Abschied von den Seinen, Osnabrück 27. August 1915“, 1915, 8 x 10,4 cm (NLA Sta Os, Dep 3b III, Nr.588 (38b))
180 „Vereidigung am 25. Juli 1915 auf dem Schloßhof Osnabrück“, 1915, 7,7 x 10,9 cm (NLA Sta Os, Dep 3b III, Nr.588 (54))
181 „Abrücken unserer 78 er ins Feld“, 8.8.1914, 9,6 x 14,1 cm (NLA Sta Os, Dep 3b III, Nr.588 (56a-d))

»In Osnabrück waren alle Menschen fröhlich und begeistert für den Krieg. Ich erlebte den Auszug einiger Bataillone aus Osnabrück. Mit Marschmusik zogen die Einheiten zum Bahnhof. Eines Mittags nahm meine Tante Aenne mich an die Hand und wir gingen die Möserstraße hinauf. Bald ertönte Marschmusik. Die Truppe maschiert an. Da taucht mit gezogenem Säbel Onkel Förster auf. Er marschiert an der Spitze einer Gruppe. (…) Die Soldaten faszinierten mich, wie nichts in meiner kleinen Welt. (…) Sonntags, 14 Uhr, mußte die Jugendwehr antreten. Das waren junge Männer, die zur Einberufung anstanden. Sie sollten militärisch geschult werden. (…) Aber es wurden jeden Sonntag weniger. (…) Noch einmal lohte die Kriegsbegeisterung nach der Schlacht bei Tannenberg kurz wieder auf. 1915! Warschau gefallen! Die Glocken läuteten zum letzten Male bei einem Sieg. Keine Begeisterung! Eine allgemeine Lähmung trat ein. – Die Todesmeldungen häuften sich. Immer mehr Männer mußten zu den Soldaten. Die älteren Jahrgänge wurden eingezogen. (…)« Heinrich Wörmeyer, Erinnerungen an den ersten Weltkrieg und die Zeit danach, in: Belmer Heimatbuch 2, Belm 1985, S.197ff.)

182 „Osnabrück. Große Straße mit Beflaggung anläßlich einer Siegesfeier“, 1915, 8,2 x 11 cm (NLA Sta Os, Dep. Stadt Osnabrück, Militaria B, Fach 22, Nr. 22e)

Völlig unverständlich muß uns heute die allgemeine Begeisterung sein, die weite Teile der deutschen Bevölkerung erfaßt hatte, und die noch in dieser Beschreibung des Kriegsausbruchs in der Osnabrücker Volkszeitung vom 2.8.1924 ungebrochen zum Ausdruck kommt. Ein nahezu allgemein vorherrschender Patriotismus überbrückte bei Kriegsbeginn nahezu alle Klassenunterschiede und politischen Parteien: »Stadt Osnabrück Vor zehn Jahren Eindrücke aus den Mobilmachungstagen 1914 Sonnabend, 1. August: Die Begeisterung und Erregung war infolge der im Laufe des Tages einlaufenden Alarmnachrichten noch gestiegen. Den Extrablattverkäufern wurden die Blätter buchstäblich aus den Händen gerissen. Gegen 6 Uhr nachmittags, als ahnte man ein nahendes Ereignis, füllte eine gewaltige Menschenmenge die Hauptstraßen, namentlich die Großestraße, Wittekind- und Möserstraße. Nur von Wenigen bemerkt, bringt um 6.30 Uhr ein Beamter der Post an dem Gebäude des Telegraphenamtes an der Möserstraße ein Telegrammformular zum Aushang mit den inhaltsschweren Worten: Berlin, 1.August, 6 Uhr 10Min. Mobilmachungsbefehl! Erster Mobilmachungstag den 2.August. Dieser Befehl ist sofort bekannt zu geben. Für die Richtigkeit der Aufnahme L.S. (gez.) Wiehle Das Reichspostamt Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Kunde in der Menge. Eine ungeheure Erregung entstand, die sich schließlich in begeisterten patriotischen Kundgebungen Luft machte. Diese vaterländische Erhebung pflanzte sich fort in alle Lokale, wo immer Personen zusammengekommen waren. Mit stolzem Vertrauen blickte man auf unser Heer und in gerechter Empörung äußerte man sich über diejenigen, die systematisch durch Jahrzehnte hindurch dieses Kriegsunglück vorbereiteten. Indessen, man zwang uns jetzt zum Äußersten, Deutschland rüstete sich zur Abwehr des niederträchtigen Überfalls. Die Uhr war aufgezogen und mit staunenswerter Sicherheit und Schnelligkeit lief das Räderwerk des deutschen Aufmarsches ab. Auch in den Osnabrücker Kasernen herrschte wie überall in deutschen Landen eine fieberhafte Tätigkeit. Kaum waren die 78er und 62er ausgerückt, als in den nächsten Tagen lange Reservistenzüge die Stadt durchzogen und die Kasernen und Gestellungsplätze aufsuchten.

183 „3 Jahre, 2 Monate“, W. Gräf, 1900, 10,6 x 16,6 cm (Stadtmuseum Quakenbrück, Archiv)
184 Schledehauser Jugend Sommer 1915 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)
185 „Landsturm Osnabrück Unteroffiz. Posten No.1“, 22.9.1914, 9 x 14 cm Feldpostkarte an Louis Meyer, Osnabrück, Johannisstr.12 aus Marienmont von Josef La… (NLA Sta Os, Erw. A 8. Nr. 74)

 

Der Hauptbahnhof zeigte in den folgenden Tagen ein besonders lebhaftes Bild. Mit schmetternder Marschmusik, von ihren Angehörigen begleitet, zogen immer wieder neue Kompanien blumengeschmückt zum Bahnhof, um zum Kriegsschauplatz befördert zu werden. Ein letztes Lebewohl, und unter dem brausenden Hurrah der Krieger verlassen die endlos langen Züge die Bahnhofshalle. Neue Züge laufen ein und bringen Tausende von Reservisten, die ihren Gestellungsbefehl nach hier folgen. Reibungslos vollzieht sich alles und innerhalb weniger Tage haben Tausende und Abertausende des Osnabrücker Landes ihre Heimat verlassen, um für Deutschlands Ehre und Freiheit zu streiten, … « Die ältesten Beispiele für Kriegsfotografien sind Bildnisdaguerreotypien von Offizieren. Spätere Kriegsfotos zeigen Personengruppen in ihren Lagern, gestürmte Befestigungen, zerstörte Gebäude etc.. Erst ab 1860, im amerikanischen Bürgerkrieg wurden auch die Gefallenen, teilweise ganze Felder mit Toten überwiegend in Stereofotos festgehalten. Die Personen, die diese Fotos machten, handelten entweder im offiziellen Auftrag als Kriegsfotografen oder waren Mitarbeiter fotografischer Ateliers, die Kriegsalben u.ä. produzierten. Im Ersten Weltkrieg traten erstmals Amateure neben die vielen Berufsfotografen, die Fotos im Feld herstellten und diese an Illustrierte und Postkartenverlage verkauften. Bereits während des Krieges wurde dieses Phänomen des massenhaft fotografierenden Weltkriegssoldaten mit Staunen registriert. »Verordnungen für das private Photographieren im Operations- und Etappengebiet« waren die Folge. Die neuen Absatzmöglichkeiten von kleinen, leicht zu handhabenden Kameras bei den Frontsoldaten wurde von der Fotoindustrie früh erkannt. Bereits am 14. Okt. 1914 veröffentlichte die Zeitschrift »Photographische Industrie« auf der Titelseite des Heftes 42 die Notiz: »(…) so soll darauf hingewiesen werden, daß auch an unsere Soldaten Apparate versandt werden können. Unsere Soldaten haben natürlich ein großes Interesse daran, verschiedene Momente und Situationen aus der Schlachtfront dauernd im Bilde festzuhalten und haben auch durch die in Kriegszeiten hohe Löhnung genügend Barmittel, um sich eine kleine Kamera anschaffen zu können.« Die »Armee-« oder »Feldkameras« fanden reißenden Absatz und eine Anzahl von Artikeln in den einschlägigen Fotozeitschriften gab praktische Ratschläge für das »Entwickeln im Felde« (Photographische Rundschau und Mitteilungen, 53, 1916, S.161 f.).

186 „Auf der Bahnfahrt zur Grenze. Im Wagen“, G. Horstmann, 1914, 8 x 10,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Horstmann)
187 Feldpostkarte 24.3.1915, 8,8 x 13,4 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)
188 Feldpostkarte 9 x 13,8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kassing)

Die Filme wurden meist in der Etappe, teilweise sogar im Schützengraben entwickelt und die Abzüge in Lese- oder Schreibräumen der Etappe ausgehängt, so daß auch Bestellungen möglich waren. Darüber hinaus fotografierten sog. »Regimentsfotografen«, meist ebenfalls Amateure, für die Chronik ihrer Regimenter. Die Arbeiten des Regimentsfotografen der Hannoverschen 74er, Gustav Horstmann (5.10.1892 – 3.9.1943) aus Bissendorf – Holte (Abb. 186,189,191,197,206-208) sind erhalten geblieben und dokumentieren, wie die abgebildeten Soldaten den Krieg erfahren haben und wie sie sich selber sehen wollten.

189 Schlachtung am Wegesrand, Westfront, G. Horstmann, 1915, 5,5 x 5,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Horstmann)

Dieser subjektive Charakter gibt derartigen Amateurfotos einen besonderen Wert gegenüber dem der offiziellen Frontfotos. Wurden diese Fotografien als Bildergruß in die Heimat geschickt, so kamen sie den Tendenzen der Propaganda allerdings häufig entgegen, da sie bei sparsamen schriftlichen Äußerungen kaum anders als verharmlosend wirken konnten. Die »Botschaften« dieser Bilder und der rückseitigen Beschriftungen lassen sich auf die Formeln: »So sehe ich jetzt aus! (…) So kämpfen wir! So siegen wir! So wird bei uns der Krieg geführt! So leben wir!« reduzieren (Bodo von Dewitz, Schießen oder fotografieren? in: FOTOGESCHICHTE, Heft 43, 1992, S.54). Die überwiegende Mehrheit der Weltkriegs-Amateurfotografien besteht aus immer gleichen, »typischen« Bildern. An erster Stelle stehen Personen- und Gruppenfotos (Abb. 188,191).

190 Soldatenporträt, R. Lichtenberg, 1915, 10,5 x 16,4 cm Cabinetkarte (Medienzentrum Osnabrück)
191 Badende, Westfront, Gustav Horstmann, 10 x 14,3 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Horstmann)
192 „Straße in Croix bei Soissons“, G. Horstmann, 8,1 x 10,9 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Horstmann)

Die Abgebildeten bestätigen damit sich selbst und anderen immer wieder das eigene Überleben, festigen die kameradschaftlichen Bindungen und verstärken den Kontakt zu den Angehörigen. Teilweise geben derartige Fotos fast die Stimmung eines Jugendlagers wieder. Sehr häufig sind auch Abbildungen von zerstörten Dörfern und Städten (Abb. 192). Die Verwüstungen wurden immer wieder fotografiert, solange man sich noch nicht an das Zerstörte als Norm gewöhnt hatte. Der touristische Blick ist bei diesen frühen Weltkriegsfotos noch sehr ausgeprägt. Schließlich war der Krieg für die meisten Soldaten die erste und oft einzige Auslandreise.Abb. 187 u. 190 sind als Kontrast eingefügt. Abb. 190 ist eine der überaus häufigen Soldaten-Cabinetkarten, noch in der Heimat, hier vom Osnabrücker Atelier Lichtenberg angefertigt.

Die Cabinetkarte wurde übrigens schon zu Beginn des Weltkrieges von der dünneren und flexibleren Fotopost- bzw. Feldpostkarte abgelöst, da die starken Pappen der Cabinetkarten zu rasch brachen. Häufig wurden diese Fotos wie Talismane benutzt, denn »die Vorstellung, daß man, um sein Leben zu schützen, die Photographien lieber Angehöriger bei sich tragen müsse« (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens Bd.VII, Berlin u. Leipzig 1935/36, S.19), war weit verbreitet. Eine weitere große Guppe bilden Lazarettfotos(Abb. 193,194).

193 „Verbandsstelle vom Roten Kreuz im alten Güterbahnhof“, Okt. 1917, 7,5 x 10,6cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (52a-z))
194 Reserve-Lazarett „Marienhospital“, 1916 (Medienzentrum Osnabrück)

Auch in Osnabrück begann gleich nach Kriegsausbruch eine Welle von Hilfstätigkeiten. Acht Kriegslazarette wurden vom Roten Kreuz, bzw. dem Vaterländischen Frauenverein Osnabrück eingerichtet. Sanitätskolonnen wurden gebildet, es gab Sammlungen, und Stiftungen, Paketsendungen an die Front, Kaffeestuben für die Soldaten wurden eingerichtet und an den Bahnhöfen sorgte man für die Bewirtung der durchfahrenden Truppen. Natürlich wurden diese Hilfmaßnahmen gern fotografisch festgehalten, den Hauptanteil derartiger Fotos bilden jedoch Gruppenbilder von Verwundeten und ihren Krankenschwestern bzw. mit den Ärzten.

»Der Krieg ging weiter. Zu kaufen gab es kaum etwas. Die Lebensmittel wurden bewirtschaftet. Meine Mutter wog für jedes Familienmitglied das Brot ab. Butter gab es kaum. Dafür schlechte Marmelade und Sirup. Nach Ackermanns in Haltern wurden Zuckerrüben gebracht und dort zu Sirup verarbeitet. – In der Buttermilchsuppe, die ja aus Mangel an Zucker nicht gesüßt wurde, schmeckte der Sirup gar nicht mal schlecht. Brennesseln mußten von den Schülern gesammelt werden, um Tiere zu füttern. – Bucheckern wurden gesammelt und in der Ölmühle Laumann in Vehrte zu Speiseöl verarbeitet. Der Hunger war in Deutschland eingezogen! In Belm hatten fast alle Bürger noch ein Stückchen Land oder Garten, so daß sich der Hunger in Grenzen hielt. Trotzdem gab es Familien, wo tagein, tagaus Steckrüben auf dem Tisch standen.« Heinrich Wörmeyer, Erinnerungen an den ersten Weltkrieg und die Zeit danach. Belmer Heimatbuch 2, 1985. S.199 In der Stadt machten sich die Einschränkungen in der Lebensmittelwirtschaft noch drastischer bemerkbar. Gleich nach Kriegsbeginn übernahm Stadtbaurat Lehmann die Leitung des städtischen Lebenmittelamtes, das gemäß »kriegswirtschaftlicher Verordnungen« den Mangel zu verwalten hatte. Vielfach wurden die städtischen Maßnahmen durch Bedienstete im Bild festgehalten, so daß auch die fotografische Dokumentation des Lebens in der Heimat weitestgehend von Amateuren erstelllt wurde. Viele der damals gesammelten Fotos zeigen den Andrang an den städtischen Verkaufsstellen (Abb. 195 -197) und somit die Angst, nicht früh genug das zugeteilte Quantum abzuholen und dadurch leer auszugehen.

195 „Lammfleisch, Käse u. Wurstverkauf auf dem Markt“, Weinberg, 26.10.11915, 8,3 x 11 cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (74))
196 „Musküche, Ausgabe von Mus an die minderbemittelte Bevölkerung Osnabrück, Süsterstraße 3“, 19.5.1917, 12 x 17 cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (31a))
197 Milchausgabe am Hasetor, 1915, 8 x 10,5 cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (75))

Der »Schleichhandel« blühte, und die Preise überwucherten rasch die Lohnerhöhungen. »… die für den gewöhnlichen Sterblichen unerschwinglichen Obstpreise riefen lebhafte und sehr berechtigte Klagen hervor. (…) daß in einem Falle ein Besitzer allein aus seiner diesjährigen Obsternte 8000 M. erzielt habe, darunter von einem einzigen Baume nicht weniger als 300 M..« (Osnabrücker Tageblatt v. 19.12.1917). Bald gab es die wichtigsten Nahrungsmittel nur noch auf Lebensmittelkarten. Im Frühjahr 1915 wurde die Brotkarte eingeführt und bald häuften sich die Klagen über die zugesetzten Streckmittel, die das Brot innen zu »klatschig« machten. »Zur Brotfrage teilte der Vorsitzende uns mit, daß der Zusatz von Frischkartoffeln mit dem 1. Februar aufhören und von diesem Tage ab die Streckung des Brotes wieder mit Trockenkartoffeln (Kartoffelflocken oder Kartoffelmehl!) erfolgen wird. Man hofft, die 2000 Gramm Brot pro Kopf und Woche auch im nächsten Frühjahr beibehalten zu können, während bekanntlich im verflossenen Frühjahr eine Kürzung auf 1600 Gramm eintreten mußte.« (Osnabrücker Tageblatt vom 19. Dezember 1917). Richtiges Mehl war oft wochenlang in der Stadt nicht zu haben, und die zugeteilten 5 Pfund Kartoffeln pro Kopf und Woche wurden allgemein als zu wenig empfunden. Auf die Reichsfleischkarte sollte es pro Woche 250 g Fleisch »mit eingewachsenen Knochen« geben, häufig waren es jedoch nur 200 g. Öffentlich wurde im über alle Maßen gewachsenen Schleichhandel die Hauptursache für den Fettmangel gesehen. Wie gravierend dieser war, zeigt sich ironisch gebrochen auf Abb. 197.

198 „Fett“, Familie Flach, Harderberg, Siepelmeyer, 1917, 10 x 14,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

 

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199 „Speckverkaufsraum“, Weinberg, 13.4.1916, 8,2 x 11 cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (32))

Zur Beruhigung der Angehörigen an der Front wird hier Überfluß demonstriert. Neben Fett mangelte es vor allem an Milch (Abb. 197), die über lange Zeiträume nur an Kinder und schwangere Frauen ausgegeben werden konnte. Der Kohlenmangel machte die letzten beiden Kriegswinter besonders hart. Mit dem schlechten Ernährungszustand wuchs die Krankheitsgefahr, Seuchen kamen in Osnabrück jedoch kaum zum Ausbruch. Immer mehr Menschen und Material wurden von der Kriegsmaschinerie erfaßt. Nach kurzer Ausbildung in den Schützengräben auf der Netter Heide (Abb. 201) und der feierlichen Vereidigung auf dem Schloßplatz (Abb. 180) wurden die jungen Soldaten an die Front geschickt.

200
200 „Zur Abgabe von Kupfer etc. Osnabrück, An der Johanniskirche“, o.J.,17 x 22,8 cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (68i))
201
201 „Osnabrück Netterheide Juni 1915 Schützengraben“, 1915, 8,2 x 11 cm (NLA Sta Os, Dep. Stadt Osnabrück, Fach 22 Nr. 20e)

Das Heer brauchte aber auch riesige Mengen an Metallen für Waffen und Munition. Die immer neuen Sammlungen der verschiedensten Materialien (Abb. 200) wurden von der Stadtverwaltung durchgeführt und dokumentiert.

Nutznießer waren die metallverarbeitende Industrie und andere Betriebe, die in irgendeiner Weise das Heer beliefern konnten. Z.B. vergrößerte das Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerk seinen Fabrikgrundbesitz in dieser Zeit um das Zehnfache, und die Belegschaften der in Stadt und Kreis gelegenen Hüttenwerke erreichten 1917 einen Höchststand (s. R. Spilker, Industriekultur. Fotodokumente aus drei Jahrzehnten städtischer Entwicklung, Osnabrück 1989, S.161). Den verstärkten Bedarf an Arbeitskräften deckten die Betriebe durch weibliche Ersatzkräfte (Abb. 202 u. 203) und Kriegsgefangene.

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202 Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein, An der Drehbank, 1916/18 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)
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203 Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein, Arbeiterinnen im 1.Weltkrieg, 1916/18 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

»(11. August 1914) In der Artilleriekaserne herrscht heute ein tolles Leben. Die Kriegsfreiwilligen werden ausgemustert. Der Andrang ist furchtbar, sollen doch 2 Millionen Kriegsfreiwillige sich gemeldet haben. Lauter Studenten. (…)« »(11. Oktober 1914) Weiter gings in Feindesland. Man sah direkt über der Grenze die Spuren des Krieges. (…) Wir sehen schon demolierte Häuser und kamen an Verviers, der ersten Stadt in Belgien. (…)« »(15. Oktober 1914) Unser Nachtquartier Necci verließen wir 7½ morgens. Wir marschieren immer stramm auf die Gefahr hinein zu. (…) Man sieht schon in der Ferne Flieger, Fesselballons am Firmament aufsteigen. Dazu ständiger Kanonendonner. (…) Die Straßengräben voll Überbleibsel und Ausrüstungsstücken. Man sieht Reste geschlachteter Tiere, tote Pferde, kaputte Wagen. Auch einzelne frisch bepflanzte Gräber. (…)« »(20. Oktober 1914) Wir hatten uns mit 16 Mann in zwei Zimmern häuslich eingerichtet, kochen selbst. Jeden zweiten Tag kocht die Feldküche, wir halten treue Kameradschaft. Küchengeschirr ist aus leerstehenden Häusern zusammengeholt und Proviant erhalten wir von der Kolonne. Heute gab’s auch Liebesgaben aus Deutschland: Zigarren, Schokolade, Tabak und Wein. (…)« »(13. November 1914) Man merkt (…) fast gar nicht mehr, daß man in Feindesland ist, man lebt sich ganz ein. Wenn die Sprache nicht wäre, da hapert’s. Schade, manches könnt man noch lernen, Land, Leute, Sitte.« »(7. Januar 1916) Konnte heute mehrere schöne Aufnahmen in der Umgebung machen. (…)« »(5. Oktober 1916) Schlechtes Wetter jeden Tag, und der Krieg wütet weiter. Hierzulande schreit es nach Ende, nach erbarmender Liebe, aus den sturmgepeitschten Lüften, aus dem Dreck und Kote der Straßen und Kampfgebiete und Gräbenlabyrinthe, aus den Trümmern der Wohnstätten. Das Elend, das uns täglich angreift, geht dem Härtesten an die Nerven. Es ist ja alles schlimmer, als man je ahnen konnte. (…)« »(27. November 1916) Heute war wieder ein tragischer Tag. St. Léger wurde mit Bomben belegt. Zwölf Flieger kamen plötzlich aus dem Nebel, das Alarmrohr blies seinen schaurigen Ton, die Glocke schlug an, man konnte sich kaum in Deckung bringen, da fiel die erste Bombe. Die dritte Bombe fiel auf das von uns belegte Haus. Gott sei Dank war keiner darin gewesen, (…) Auf der Straße lagen drei tote Pferde, und drei Mann lagen schwer verwundet, von denen einer starb.« »(5. Februar 1917) Schon mehrere Tage gehe ich zur Höhe 147, einer gefährlichen Stellung. Täglich werden wir durch feindliche Granaten vertrieben. Kaliber aller Größen schlagen ein, bis zu 28 Zentimeter. Die Erde ist durchwühlt. Zusammengefrorene Erdklötze sind weit herumgeworfen wie Spielzeug. Das Herz krampft einem zusammen, wenn man dies sieht.(…)« (Franz Vogt. Kriegstagebücher 1914 – 1918. Landwehrgefreiter aus Gesmold, Artillerie-Regiment Nr.20., NLA Sta Os, Slg 55 Nr.110, Transkription: Gisela Fleischmann (Kopie))

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204a Gefallene französische Soldaten Westfront 1916, Amateuraufnahme, 1916, 8,8 x 11,3 cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (73a-f))
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204b Gefallene französische Soldaten Westfront 1916, Amateuraufnahme, 1916, 8,8 x 11,3 cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (73a-f))

»Die Monate rücken weiter. Dieser Sommer 1918 ist der blutigste und der schwerste. (…) Jeder hier weiß, daß wir den Krieg verlieren. Es wird nicht viel darüber gesprochen, wir gehen zurück, wir werden nicht wieder angreifen können nach dieser großen Offensive, wir haben keine Leute und keine Munition mehr. Doch der Feldzug geht weiter – das Sterben geht weiter – (…) Einige Regenwochen liegen hinter uns – grauer Himmel, graue zerfließende Erde, graues Sterben. Wenn wir hinausfahren, dringt uns bereits die Nässe durch die Mäntel und Kleider, – und so bleibt es die Zeit vorne auch. (…) Die Gewehre verkrusten, die Uniformen verkrusten, alles ist fließend und aufgelöst, eine triefende, feuchte, ölige Masse Erde, in der die gelben Tümpel mit spiralig roten Blutlachen stehen und Tote, Verwundete und Überlebende langsam versinken.

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205 „Verdun (Frankreich) Winter 1917/18“, 1917, 5,8 x 8 cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (73a-f))
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206 Beobachtungsballon, G. Horstmann, 8 x 11 cm Feldpostkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Horstmann)
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207 Englische Panzermobile, G. Horstmann, 1916, 9,5 x 14 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Horstmann)
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208 Grab „Landstm. Karl Kleinschmidt Fernsprecher 2/71 gfl. am 30.6.16“, G. Horstmann, 1916, 7,5 x 10,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Horstmann)

Der Sturm peitscht über uns hin, der Splitterhagel reißt aus dem wirren Grau und Gelb die spitzen Kinderschreie der Getroffenen, und in den Nächten stöhnt das zerrissene Leben sich mühsam dem Schweigen zu. Unsere Hände sind Erde, unsere Körper Lehm und unsere Augen Regentümpel. Wir wissen nicht, ob wir noch leben.« (Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues, Köln 1987, S.254f.)

»Ein feierlicher Empfang wurde dem am Sonnabend heimkehrenden Infanterie-Regiment Nr. 92 bereitet. Schon seit 14 Tagen wetteiferten die Einwohner in der Ausschmückung der Stadt zum Empfange der heimischen Kriegsteilnehmer. Nachdem morgens schon verschiedene Truppengattungen die Stadt passiert hatten, traten zwischen 1 und 2 Uhr die 92er, durch das Johannistor einmarschierend, mit klingendem Spiel auf dem Neumarkt ein.

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209 Rückkehr des Infantrie-Regiments 92, Neumarkt, Osnabrück, 21.12.1918, 9,5 x 14 cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (74a-e))
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210 Rückkehr des Infantrie-Regiments 92, Große Straße, Osnabrück, 21.12.1918, 9,5 x 14 cm (NLA Sta Os, Dep. 3b III, Nr. 588 (74a-e))

« Hier begrüßte Oberbürgermeister Dr. Rißmüller die rückkehrenden Soldaten im Namen der Stadt. Die offizielle Einschätzung der Lage wird in seiner Ansprache deutlich: »Vor der Macht eines dunklen, rätselhaften Geschickes mußtet ihr nun die Waffen senken. Aber rein ist der Schild der Ehre, unbesiegt kehrt ihr zurück, stolz erhobenen Hauptes und mit Stolz begüßen wir die Heimkehrenden. (…) Furchtbare Veränderungen sind in den letzten Wochen eingetreten. Am deutschen Rheinstrom lagern die Feinde, mit entsetzlicher Härte ruht des Feindes Faust auf deutschen Landen.« Senator Vesper, der anschließend im Namen des Arbeiter- und Soldatenrats spricht, findet deutlichere Worte: »Ihr habt die Heimat beschützt und von ihr die Verwüstungen des Krieges ferngehalten. Ihr seid nicht überwunden, wenn ihr auch schließlich einer Übermacht von Feinden weichen mußtet. Euer Heldenmut ist unvergleichlich. Aber es war unsere Pflicht, nicht weitere nutzlose Opfer von euch zu verlangen. (…) Neues ist erstanden im Vaterlande, und das Volk hat sich selbst zum Herrn seines Geschickes gemacht. Die Ungerechtigkeiten des alten Regimes sind beseitigt, und wir haben den neuen Volksstaat Deutschland aufgerichtet. (…)« (Osnabrücker Abendpost, 24. Dezember 1918)

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