Momente und Ereignisse – Dokumentarfotografie – Denkmäler und „Kaiser’s Geburtstag“

Denkmäler und »Kaiser’s Geburtstag«

Die nach der Reichseinigung 1871 entstehende »Denkmalsseuche« (Richard Muther, Geschmack und Urteil, Studien zur Kunst der Moderne, Heidelberg 1987, S.38), die sich bis in die Weimarer Republik hineinzog, ging auch am Osnabrücker Land nicht spurlos vorüber. Von höchster Stelle gefördert wurden ununterbrochen irgendwo Standbilder enthüllt und Monumente eingeweiht. Organisiert wurde dieser politische Gefallenenkult in erster Linie von den »staatstragenden« Ständen, den Honoratioren der Provinz und den Veteranenverbänden. »Eure Exzellenzen! Höchste, hohe und geehrte Herren! Hundert Jahre sind es, daß der große Kaiser, dessen Denkmal der Enthüllung harrt durch den Vertreter Seiner Majestät, uns und dem Vaterlande geschenkt ward; gleichzeitig aber – und das macht diese Stunde noch bedeutsamer – ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein großer Enkel den Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die große Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren Rückblick werfen. (…) Der Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Größe. Der Ozean beweist uns, daß auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und ohne den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn das Weltgeschäft ist heute das Hauptgeschäft. (…) Seine [des Kaisers] Persönlichkeit, seine einzige, unvergleichliche Persönlichkeit ist stark genug, daß wir allesamt uns efeuartig an ihr emporranken dürfen! (…) Was Seine Majestät der Kaiser zum Wohle des deutschen Volkes beschließt, dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob wir nun edel sind oder unfrei. (…) In staunender Weise ertüchtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver Betätigung, und in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die uns neidisch umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und bezeichnen eine zum ersten Male erreichte Höhe germanischer Herrenkultur, die bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird überboten werden können! (…) Eine solche, nie dagewesene Blüte aber erreicht ein Herrenvolk nicht in einem schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat es für notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewähren. Durch den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemußt, und schließlich ist es uns doch gelungen, siegreich überall unsere Fahnen aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu schmieden!« Ähnliche Pathosformeln und leere Redehülsen, wie sie Heinrich Mann seinem Protagonisten Diederich Heßling im Roman »Der Untertan« (Berlin 1976, S. 485ff.) in den Mund legte, werden auch bei so mancher der hiesigen Denkmalseinweihungen erklungen sein. Auf diesem Gebiet orientierte man sich ebenfalls gern am großen Vorbild des deutschen Kaisers. Populär waren die mit einer Denkmalsenthüllung einhergehenden Festivitäten und Umzüge allemal, und so hatte sich auch zur Einweihung des Denkmals »Zur Erinnerung an die Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches« am 10. Mai 1896 in Quakenbrück (Abb. 172)eine große Menschenmenge eingefunden.

172 „Enthüllung des Sieges – Denkmal in Quakenbrück am 10. Mai 1896“, W. Gräf (?), 19,6 x 26,1 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Stadtmuseum Quakenbrück)

Anlaß genug für den ortsansässigen Fotografen Wilhelm Gräf, zu versuchen, dieses Ereignis im Bild festzuhalten. Obwohl es eigentlich seit 1883/84 die Möglichkeit gab, bewegte Szenerien in Bruchteilen von Sekunden abzulichten, hatte Gräf seine große Plattenkamera ins oberste Stockwerk eines der Häuser am Markt transportiert und mußte seine Überblicksaufnahme des Geschehens trotz hellen Sonnenscheins in alter Manier bis zu 3 Sekunden belichten. Entsprechend verwischt erscheinen die Personen, die sich während der Aufnahme bewegten. Wilhelm Wegmann fotografierte die Einweihung des Kriegerdenkmals für die »Samtgemeinde Essen« in der gleichen Technik, konzentrierte seinen Blick jedoch mehr auf das Denkmal, den Fahnenschmuck und den Festredner, Landschaftsrat Dr. jur. G. Meyer (mit Zylinder), Rechtsanwalt und Notar in Essen (Abb. 173).

173 Kriegerdenkmalseinweihung „Gewidmet den tapferen Kriegern von 1870/71 von der Gemeinde Essen“, W. Wegmann (?), um 1895, 13,5 x 17,5 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Bad Essen)

In diesen Zusammenhang der patriotischen Festivitäten gehört auch der Sedanstag (2.September). Festzüge und Paraden, Musikvorträge, Glücksbuden, Kuchenverkäufer und ein buntes Feuerwerk zum Abschluß gehörten zu derlei Veranstaltungen (s.a. Abb. 125). Beliebt waren auch »lebende Bilder«, in denen geschichtliche Ereignisse für die nationale Sache in Dienst genommen wurden (s.a. Abb. 137). Ähnliche Feiern fanden in Stadt und Land zum Kaisergeburtstag statt. Auch in Menslage ist die Dorfstraße (mit Meyers Tor und der Posthalterei Möllmann) für dieses Ereignis mit Fahnen geschmückt (Abb. 176).

174 Kreistierschau in Bohmte 1913, 9 x 14 cm Fotopostkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Bohmte)
175 Osterfeuer in Lindorf 1916, 9,4 x 13 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Komber)
176 „Kaiser’s Geburtstag“, Menslage ca.1914, 12,6 x 20,4 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Menslage)

Eine Verkleinerung der fotografischen Apparate und die Erfindung der »Bromsilbergelantine-Trockenplatte« ermöglichte es den Fotografen in den 90er Jahren zunehmend, auch bisher nicht bildwürdige, bzw. so nicht fotografierbare Ereignisse abzulichten. Sie legten damit auch die Grundlagen der Pressefotografie, die in den Sonntagsbeilagen der Zeitungen des Osnabrücker Landes vereinzelt kurz nach der Jahrhundertwende, in den Tageszeitungen jedoch erst 1924 zu blühen begann. Ein frühes Beispiel für die neuen Möglichkeiten der Fotografie, ein Ereignis innerhalb kürzester Zeit in Form einer Postkarte zu vermarkten, ist die Postkarte aufAbb. 174.

Die besondere Attraktion der Bohmter Kreistierschau im Jahre 1913 waren die sensationellen Flugvorführungen des Osnabrücker Flugpioniers Gustav Tweer. Aber auch Ereignisse, die man in älteren Fotosammlungen vergebens sucht, wie das Foto der Vorbereitungen für das Osterfeuer in Lintorf 1913 (Abb. 175) werden jetzt für die Nachwelt festgehalten.

 

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