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Momente und Ereignisse – Dokumentarfotografie – Abbruch der Wälle, Osnabrück 1876

Abbruch der Wälle in Osnabrück, 1876

Fotos, die im Zusammenhang mit der Umgestaltung unserer Städte im Zuge der Industrialisierung und der damit zusammenhängenden Verkehrsentwicklung in der 2. Hälfte des 19.Jahrhunderts stehen, gehören in der Regel zu den frühesten Dokumentarfotos jeder Region. Die Lokalnachrichten der Osnabrücker Zeitung [Kislings Osnabrückische Anzeigen] meldeten am 11. August 1876: »Heute Nachmittag werden die alten Festungsthürme und einige Theile des interessanten alten Mauerwerks zwischen Natruperthor und Hasethor photographisch aufgenommen werden. Mit der Aufnahme, welche von Seiten der Stadt veranlaßt wird, ist Herr Photograph Otto Schulz hierselbst beauftragt.« Fotos, die den Zustand vor dem Abbruch der Befestigungsanlagen zeigen sind bisher nicht bekanntgeworden. Deshalb zunächst eine Vergegenwärtigung in der Beschreibung. »Die Wälle selbst waren mit zwei Reihen Bäumen besetzt, (…). Die etwa 3 – 4 Meter breiten Flächen zwischen den Baumreihen, welche beim Bocksturm und dem Bürgergehorsam auf etwa 1 Meter Breite eingeschnürt waren, bildeten, wie jetzt noch der Herrnteichswall, die beliebtesten Spazierwege der Stadtbewohner, (…). Beim Bürgergehorsam war ein Verbindungsweg angebracht zur nahen Infantriekaserne (jetzt Klosterkaserne genannt), von dem aus die Soldaten zur Verrichtung notwendiger Bedürfnisse die in der Nähe des Turmes angebrachten, über dem darunterfließenden Stadtgraben schwebenden „Latrinen“ aufsuchen mußten. Der dort stark fließende Stadtgraben entführte das ihm anvertraute Gut in die Hase, in welche er bei der Vitischanze mündete. (…) An der westlichen Seite der Wälle floß der mit der Hase in Verbindung stehende (…) Stadtgraben, die die von Westen kommenden Zuflüsse aufnahm. An dem vom Heger- und Natrupertore führenden Teil war er zu einem Teiche angestaut – „Gröpelsteich“ wurde er genannt nach dem Namen des im Torhause wohnenden Akziseeinnehmers. Der Teichausfluß wurde in ein enges Bett gezwängt, unter der Natruperstraße hergeführt und trieb eine im und am Bürgergehorsam angebrachte „Schleifmühle“, (…).« (M.Wilkiens, Erinnerungen eines alten Osnabrückers. aus: Der Friedenssaal April 1928, Heft 7, S.186) »… bis schließlich die Überzeugung überwog, daß für das Wohlergehen der Stadt eine möglichst freie Bewegung nach außen viel nützlicher sei, als die bisherige Abschließung; man ging daher zunächst an die Beseitigung der Thore.

144 Abtragung der inneren Mauer zwischen Vitischanze und Bürgergehorsam, Blick auf die Hasemauer, O. Schulz, 1876, 24,5 x 31,5 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück)
145 Abtragung der äußeren Mauer vor dem Bürgergehorsam, Blick auf die Dominikanerkaserne, O. Schulz, 1876, 24,5 x 31,5 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück)

Als nun gar in neuerer Zeit die Einwohnerzahl sich von Jahr zu Jahr vermehrte, da mußte vollends der beengende Gürtel weichen, auch die Wälle mußten fallen, damit an die alte, durch Jahrhunderte hindurch eng eingekeilte Stadtanlage mit ihren schmalen, krummen Gassen, neue luftige Straßen mit zweckmäßigen Wohngebieten nach allen Seiten sich anschließen konnten. (…) Mit der Beseitigung der Festungswerke (…) wird am Schlusse des 18. Jahrhunderts der Anfang gemacht, zunächst mit der Abtragung der Bastion am Herrnteichsthore. (…)

146 Abbruch der äußeren Wallmauer am Bürgergehorsam, Blick zum Hasetor, O. Schulz, 1876, 24,5 x 31,5 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück)

Im Jahre 1816 ist dann noch das Hegerthor-Gewölbe abgebrochen und im Jahre 1817 an dessen Stelle das Waterloothor zu Ehren des Osnabrücker Bataillons, welches bei Waterloo mitgefochten, durch den Dr.G.F.v.Gülich aufgebaut. (…) Den theilweisen oder völligen Abbruch des Bucksthurms haben Bürgermeister und Rath schon im Jahre 1799 erwogen (…). Man ist aber erst im Jahre 1805 dazu gelangt, den oberen Theil des Thurmes, der schadhaft war, abzubrechen und das jetzt vorhandene Dach darauf zu setzen. (…)

147 Abbruch der Stadtwälle am Natruper Tor, O. Schulz, 1876, 24,5 x 31,5 cm(Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück)

Den Anlaß zur Abtragung eines Theils der Umwallung gab der im Jahre 1853 in Angriff genommene Bau der Eisenbahn Hannover-Rheine. Im Vertrage vom 26.April/24.Mai 1854 zwischen der Stadt und der westfälischen Eisenbahn-Direction zu Paderborn wurde u.a. bestimmt, daß die große Bastion und die Wallrampe rechts vor dem Hasethore abgetragen und eine neue Rampe auf dem Herrnteichswalle in entsprechendem Gefälle hergestellt werde. (…) Die großartige Entwicklung der Wiener Ringstraße hatte die Anregung gegeben, auch hier in Osnabrück, wenn auch in viel bescheideneren Verhältnissen, eine ähnliche Anlage zur Vermittlung des Verkehrs zwischen dem äußeren Anbau und der inneren Stadt, verbunden mit einer von allen Seiten leicht erreichbaren Promenade, zu schaffen. (…)

148 Abtragung der inneren Mauer am Bocksturm, Blick auf den Bocksturm, O. Schulz, 1876, 24,5 x 31,5 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück)

Es erfolgte nunmehr, von der Hase an aufwärts der Abbruch der Wallmauer, die Herstellung des großen Wallkanals mit den Steinen des Abbruchs und die Abtragung und Einebnung des Wallkörpers über das Grabenbett und den neuhergestellten Canal, sowie die Fertigstellung der Anlagen und Wege bis aufwärts zur Neustädter Volksschule, in der Hauptsache in den Jahren 1876 und 1877. Dem Entwurfe gemäß wurden einige Theile der alten Stadtbefestigung, welche der Durchlegung der Ringstraße nicht hinderlich waren, in die neuen Anlagen einbezogen, um das Gesammtbild charaktervoll zu gestalten und zugleich die Erinnerung an die geschichtlichen Vorgänge früherer Jahrhunderte noch zu erhalten, so die Wallpartie am Hegerthore mit dem Waterloo-Denkmal und der mächtigen Kastanie, der Bucksthurm, der Bürgergehorsam und der Barenthurm nebst einem Stück des südlich anstoßenden Walles, der Vitischanze und der hohen Wallbrücke mit der Bastion jenseits des Flusses, deren Kasematten zum Theil noch jetzt erhalten (…) sind.« (E.Hackländer, Einiges über die Festungswerke von Osnabrück und deren allmähliche Beseitigung. aus: Osnabrücker Mitteilungen 24, 1899, S.211-244)

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