Frühe fotografische Verfahren – Daguerreotypien

 Daguerreotypien

Da sitzen sie, ruhig und konzentriert wegen der langen Belichtungszeiten. Sie präsentieren sich der Kamera mit bemerkenswerter Offenheit und Selbstverständlichkeit. Ihre Haltung wirkt wie die Quintessenz ihres Lebens, und nichts beeinträchtigt die einfache und direkte Aussage des »Hier bin ich«. Da gibt es noch keine vom Fotografen inszenierte Posen. So stellen sie sich uns heute dar, die spiegelnden Silberbilder der Daguerreotypien.
Benannt wurden sie nach ihrem Erfinder, dem Franzosen Louis J.M. Daguerre (1787-1851), der – zunächst zusammen mit J.N. Niépce (1765-1833) – in den Jahren ab 1828 ein neues Bildherstellungsverfahren entwickelte, bei der eine mit Jodsilber beschichtete Kupferplatte in einer Camera obscura belichtet und dann das »latente« Bild mit Quecksilberdämpfen »verstärkt« wurde. 1837 war es soweit: die erste Daguerreotypie, ein detailreiches Stilleben, gelang. 1839 kaufte der französische Staat die Erfindung und machte sie in einer großzügigen Geste der Menschheit (»à tout le monde«) zum Geschenk. Daguerre und der Sohn Niépce’s erhielten lebenslange Pensionen.
Innerhalb kürzester Zeit eroberte die Erfindung die Welt. Eine exakte Beschreibung des Verfahrens sowie genaue Konstruktionszeichnungen versetzten Optiker und technisch versierte Handwerker in die Lage, die Kamera nachzubauen und eigene Daguerreotypien anzufertigen. Auch in Deutschland wurden die Lichtbilder begeistert aufgenommen: »Ich sage Ihnen, man könnte seinen Verstand verlieren, wenn man solch ein Bild sieht, das gewissermaßen die Natur selbst gemacht hat«, schrieb der Kunsthändler Louis Sachse am 26.9.1839 aus Berlin an den Stadtrat Degen in Königsberg (Photographische Mitteilungen, Berlin 1889, Nr.399, S.18).
In Osnabrück scheint man von all dem nicht viel mitbekommen zu haben. Obwohl andernorts besonders die Presse für eine rasche Verbreitung sorgte, – kaum eine Zeitung, die sich 1839 nicht dieses Themas annahm, – wurde die Erfindung in den »Osnabrückischen Öffentlichen Anzeigen« nicht erwähnt. Dafür waren im »Westfälischen Merkur« und in der »Hannoverschen Zeitung« enthusiastische Berichte zu lesen. Nicht ganz klar ist also, ob die Osnabrücker mit dem Angebot von »vorrätigen Daguerreotypen« des Hof-Opticus Dr. Köhn aus Schwerin in den »Osnabrückischen Öffentlichen Anzeigen« am 25.7.1840 viel anfangen konnten. Dies ändert aber nichts daran, daß die ersten »Photoapparate« in Osnabrück im »Krummen Ellenbogen im neuen Haus, Zimmer No.28« zu haben waren.

Da der Markt in den großen Zentren Köln, Berlin, Leipzig, Hamburg und München sehr schnell gesättigt war (in Berlin ließen sich zwischen 1839 und 1860 mehr als 200 Daguerreotypisten nieder, in Hamburg mehr als 170), verließen Mitte der 40er Jahre immer mehr Daguerreotypisten die Metropolen und wurden Reisephotographen. Sie warben in den örtlichen Zeitungen und durch Demonstrationen ihrer Kunst auf öffentlichen Plätzen, wobei auch fürs Zusehen häufig eine kleine Gebühr erhoben wurde. Insgesamt sind daguerreotypische Außenaufnahmen im deutschen Raum jedoch relativ selten. In der Osnabrücker Region konnte bisher nicht eine gefunden werden.
Nachdem am 24.7.1840 der »Opticus Samuel Adler« im »Westfälischen Merkur« »einem geehrten Osnabrücker Publikum« die Ausstellung einiger »Daguerreotypien auf einige Tage« angekündigt hatte, vergingen weitere fünf Jahre, bis der Wanderdaguerreotypist Georg Carl Hünerjäger (1800-1884) am 27.12.1845 in den »Osnabrückischen Öffentlichen Anzeigen« seine Dienste anbot. Wie die Erfahrung in anderen Städten gezeigt hat, sind Zeitungsanzeigen und Adreßbücher jedoch keine verläßlichen Quellen, um die Aufenthalte reisender Daguerreotypisten lückenlos nachzuweisen. Auf jeden Fall inserierten Hünerjäger und seine Kollegen Louis Reunpagé, J.Behrens und Louis Müller von nun an mehr oder weniger regelmäßig in den Osnabrücker Zeitungen, und die wenigen im Osnabrücker Raum noch vorhandenen Daguerreotypien dürften, wenn sie auch im einzelnen nicht zuzuordnen, geschweige denn signiert sind, von ihrer Hand stammen. Einige Beispiele dieser Arbeit um 1845 zeigen die Abbildungen 1 – 4.
Daguerreotypien waren Unikate, die luftdicht (um eine Oxidation der Silberplatte zu vermeiden) hinter Glas gerahmt oder in speziellen »Union-Cases« (Abb. 2) aufbewahrt wurden. Ihr Eindruck kann in einer Reproduktion nur ungenügend wiedergegeben werden, da sie auf den reflektierenden Silberplatten wie eingefangene Spiegelbilder wirken, die je nach Betrachtungswinkel positiv oder negativ erscheinen. Hünerjäger verlangte 1848 ab einem Taler (Achtelplatte, wie Abb. 2) für Daguerreotypien. Das war ein Betrag, den nur die bürgerliche Gesellschaft (Juristen, Ärzte, Pastoren, Apotheker, Ingenieure und Kaufleute) und der Adel aufbringen konnte. Ein gut verdienender Arbeiter mußte für dieses Geld eine halbe Woche schaffen. Für ihn kam eine derartige Ausgabe natürlich nicht in Frage.

1 „August und Karl, 1846“,Osnabrück 1846, 8 x 9,4 m, Daguerreotypie(Mediezentrum Osnabrück, Slg. Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück)
2 Bildnis eines jungen Mannes,Osnabrück 1845/50, 8 x 9,4 cm, Daguerreotypie(Medienzentrum  Osnabrück, Slg. Kosche, Osnabrück)
3 Bildnis eines unbek. Mannes mit Schreibzeug,Melle vor 1845, 8,1 x 10,8 cm, Daguerreotypie(Medienzentrum Osnabrück, Slg, Grönegau Museum, Melle)
4 Gruppenporträt, Melle vor 1845, 8,1 x 10,8 cm, Daguerreotypie(Medienzentrum Osnabrück, Slg. Grönegau Museum, Melle)

 

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