Einleitung

Der Versuch, mittels des Mediums Fotografie Einblicke in die Kultur- und Alltagsgeschichte einer Region zu geben, birgt zahlreiche Probleme. Einerseits sind es die Bilder, die Historie anschaulich machen. Der Betrachter begegnet der Geschichte dort, wo er sich darauf einläßt, in die Tiefe des Bildes hineinzugehen und den dort absichtlich oder zufällig festgehaltenen Spuren zu folgen. Dies gilt besonders für die Fotografie. Die Technik des Vorgangs bürgt trotz zahlloser Gegenreden für Wahrhaftigkeit, und die Gedichtzeile, die diesem Ausstellungskatalog vorangestellt ist, gibt diese Einschätzung der Fotografie trefflich wieder. Ein Foto weist immer darauf hin »Dies ist gewesen«, genauso haben sich diese Personen, hat sich dieses Ereignis für einen kurzen Moment der Kamera dargeboten. Gleichzeitig erinnert jedes dieser Fotos an die Vergänglichkeit, jede hier abgebildete Person verweist auf ein gelebtes Leben.
Nun kann man derartige alte Fotos nicht naiv als Quellen benutzen, sie müssen anders als nur erzählende Quellen behandelt werden. Fotograf und Fotografierter inszenierten bestimmte Bildformeln, in denen sie zu kommunizieren gewohnt waren, es gab und gibt eine ritualisierte Bindung an außergewöhnliche Anlässe, eine fast normative Festlegung, was fotografierbar ist und was nicht. Die Fotografie zeigt immer nur einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit und in Verschiebung der Relationen mehr Feiertag als Alltag. Diese »ästhetischen Codierungen« sind selbst »Dokumente«, in denen gesellschaftliche Zustände anschaulich werden! Sie müssen bei dem Versuch einbezogen werden, durch die Beschreibung die Fotografien gleichsam mit einem Gewebe sprachlicher Information zu umgeben. Eine Fotografie kann keine diskursive, visuelle Aussage treffen, die isoliert nicht verstanden werden kann. Eine derartige Vorgehensweise würde der rein nostalgischen Rezeption Tor und Tür öffenen.
Die Fotografie hat als Dokument nur die Bedeutung, die ihr durch einen bestimmten Kontext zugewiesen wird. Trotzdem sollen hier die Fotos im Mittelpunkt stehen, und nicht wie so oft als reine Illustration dienen. Die im Bild angehaltene und aufgehobene Zeit soll durch den Text der Wahrnehmung zurückgegeben werden. Es wird wann immer möglich versucht, die Umstände der Aufnahme, den Augenblick des Entstehens sowie die räumlichen Gegebenheiten zum Ausgangspunkt für eine Einbettung der Fotos in einen weiteren geschichtlichen Hintergrund zu machen.
Die bewußt möglichst kurz gehaltenen Texte, die den einzelnen Themen vorangestellt sind, sollen es dem Betrachter ermöglichen, die Perspektive der Kamera und den Augenblick der Bildentstehung in ihren Raum-Zeit-Koordinaten zu lokalisieren und um all jene Geschehnisse zu erweitern, die von der gezeigten „Ansicht“ nur spurenhaft überliefert sind. Angestrebt wird nicht die immergleiche Technikgeschichte der Fotografie, die von den Fotografen handelt, von deren Werdegang, von erfolgreichen Vertretern der Gilde, nur kurzzeitig gültigen Atelieranschriften, von Anzeigen und Kameras, von Aufträgen und Produkten. Angestrebt wird die Skizzierung der Bildgeschichte einer bestimmten geografischen Region. Es gilt Licht zu bringen in die Welt der Auftraggeber, warum haben sie sich so und so in Pose gesetzt, warum wurde diese Landschaft so und nicht anders gesehen? Hier ereignete sich dieses und jenes, war es anderswo ebenso, oder existieren regionalspezifische Entwicklungen bzw. Darstellungsformen?
Viele Fragen sind noch immer offen, viele Spuren von Fotografen, Fotoamateuren und einzelnen Bildbeständen gilt es noch zu verfolgen. So kann diese Zusammenstellung nur ein Zwischenergebnis sein. Gleichzeitig bildet sie jedoch bereits den soliden Grundstein für eine Fotosammlung zu den kulturhistorisch wichtigen Themen in unserer Region. Bei den Recherchearbeiten und der Bildauswahl fiel auf, daß ist die Osnabrücker Region sehr arm an frühen fotografischen Zeugnissen ist. Es ist zwar normal, daß man auf dem vertrauten Terrain der näheren Umgebung nur verhältnismäßig wenige topographische Aufnahmen findet. Bis ca. 1880 hatten Stadtansichten eher Reisende als Kundschaft. Nach den zahlreichen Anzeigen der Wanderfotografen müßten sich jedoch wesentlich mehr Porträts erhalten haben. Später sorgte die Modernisierung der Städte, der Wechsel der Energieversorgung, der Abriß alter Stadtteile zugungsten neuer Industrieareale und Wohngebiete und die Einführung neuer Verkehrsmittel für eine Veränderung des gewohnten Bildes und auch des Lebensgefühls der Menschen, so daß viele Einwohner Fotografien alter Gebäude und Straßenzüge zur Erinnerung und manchmal auch der neuen als Belege des Fortschritts erwarben. Hinzu traten die Amateurfotografen, die aus den gleichen Beweggründen begannen, ihre Umgebung zu dokumentieren. Insgesamt bleibt zu hoffen, daß dieser Katalog Anstoß für die Erschließung zahlreicher neuer Bildquellen wird.

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