„Blicke in das Osnabrücker Land“ – Wilhelm Piepmeyer, Fotoamateur

Wilhelm Piepmeyer, Fotoamateur

Einer der frühen Fotoamateure (neben Alois Wurm und Julius Jonscher) in Osnabrück war Wilhelm Piepmeyer (1853-1918). Gemeinsam mit seinem Bruder Bernhard war er Inhaber der 1834 gegründeten Tabakfabrik B. A. Piepmeyer an der Johannisstraße. Seine ersten Fotos entstanden wohl in den frühen 90er Jahren mit einer Kodak-Box (s. Schnappschüsse aus der Kodak-Box). Kurz darauf kamen eine 13x18cm-Reisekamera und eine Stereo-Kamera hinzu, mit der mittels zweier in Augenabstand angebrachter Optiken zwei Fotos gleichzeitig entstanden. Diese sog. Stereokarten konnten in einem Stereoskop oder Graphoskop (Abb. 219, 220) »dreidimensional« betrachtet werden. Neben Familienmitgliedern, den Kindern seines Bruders und Freunden beim Skatspielen, lichtete er Straßenzüge, Plätze und Häuser in Osnabrück und der näheren Umgebung ab. Charakteristisch für die meisten seiner Fotos ist ein weiter, leerer Vordergrund, ein Problem, mit dem auch heutige Amateure bei der Verwendung von Weitwinkel-Objektiven zu kämpfen haben, sofern sie stürzende Linien bei Gebäuden als unästhetisch empfinden. Zu Zeiten Piepmeyer’s galt die waagerechte Kamerahaltung noch als ehernes Gesetz und die einfachen Apparate hatten keine verstellbare Standarte. Die Experimente der 20er Jahre mit ungewöhnlichen Blickwinkeln und dynamischen Schrägen lagen noch in weiter Ferne. Auf Abb. 297 hat sich der Fotograf vor seiner Firma selbst abgelichtet und gewährt uns zugleich einen Blick in das geschäftige Treiben der Johannisstraße.

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297 Selbstbildnis auf der Johannisstraße, W. Piepmeyer, 1897, 11 x 11 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kennepohl)

Von einem erhöhten Standpunkt, aus dem Hotel Bavaria heraus, ist die Übersicht über den Neumarkt aufgenommen (Abb. 298).

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298 Neumarkt, W. Piepmeyer, 1897, 8,7 x 8,7 cm, r. Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kennepohl)

Hier fand von 1896 bis 1913 einer der beiden Wochenmärkte in Osnabrück statt. Gehandelt wurden hauptsächlich die Produkte aus dem Osnabrücker Land. Das qualitativ leider nicht sehr gut erhaltene Foto des Rosenplatzes mit Blick in die Iburger Straße (Abb. 299) entstand, als die Bahntrassen in Osnabrück noch ebenerdig verliefen.

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299 Rosenplatz mit Blick in die Iburger Straße, W. Piepmeyer, 1897, 7,8 x 7,8 cm, l. Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kennepohl)

Die ständigen Staus von wartenden Fahrzeugen und Fußgängern wurden durch eine Höherlegung des Bahnniveaus und entsprechende Unterführungen zwischen 1909 und 1912 behoben. Obwohl Piepmeyer zum Zeitpunkt der Aufnahme in diesem Fall wohl kaum etwas von den kommenden Veränderungen ahnte, fällt bei der Durchsicht seiner Fotos auf, daß sein besonderes Interesse jenen Gebäuden und Plätzen galt, die bald abgerissen oder verändert werden sollten. Auch Abbrucharbeiten selbst wurden von ihm z.B. beim »Pottschap«, der alten, als Gefängnis genutzten von Haxthauseschen Kurie am Dom, beim Martinshof am Pottgraben und auch beim Durchbruch der Lortzingstraße (Abb. 304) festgehalten.

Dieser eher rückwärts gewandte Blick hing vielleicht auch mit seinem politischen Engagement zusammen. Er war der Führer der Osnabrücker Welfenpartei. Das Foto der Heinrich-Heine-Straße (Abb. 300) mit dem Hotel Hohenzollern und dem »Central-Bahnhof« von 1895 entstand um die Jahrhundertwende.

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300 Heinrich-Heine-Straße, W. Piepmeyer, 8,5 x 8,5 cm, r. Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kennepohl)

Die beiden Ansichten der Hase muten dem heutigen Betrachter besonders idyllisch an. Abb. 301 zeigt den Blick von der Brücke der heutigen Wittekindstraße (damals Bahnhofstraße) in Richtung Hauptbahnhofs.

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301 Hase mit Blick auf den Bahnhof, W. Piepmeyer, 8,5 x 8,5 cm, l. Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kennepohl)

Der Blick in die andere Richtung (Abb. 302) geht auf die kleine Fußgängerbrücke der Georgstraße (sie verschwindet 1905).

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302 Hase mit Blick auf die Domtürme, W. Piepmeyer, 10,4 x 15,3 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kennepohl)

Im Hintergrund sind die Domtürme zu sehen. In diesen Zusammenhang gehört übrigens auch Abb. 163. Sie zeigt die Große Straße mit der Rackhorstschen Buchhandlung im Hintergrund, die ebenfalls der Verbreiterung der Georgstraße weichen mußte. Bescheidenste Wohnverhältnisse boten die Armenhäuser an der Kommenderiestraße (Abb. 303)

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303 „Armenhäuser, Commenderiestraße“, W. Piepmeyer, 8,7 x 8,7 cm, r. Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kennepohl)
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304 „Lortzingstraße, Durchbruch“, W. Piepmeyer, 1892, 12,1 x 17,1 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kennepohl)

 

und daß Piepmeyer sich auch für die festlichen Ereignisse interessierte zeigt Abb. 305.

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305 Altstädter Schützenfest, W. Piepmeyer, 8,6 x 8,6 cm, l. Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Kennepohl)

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