„Blicke in das Osnabrücker Land“ – Atelier zur Schwalbe, Georg Sander

Atelier zur Schwalbe, Georg Sander, Osnabrück, Schepeler Straße 20

Wie Georg Sander (8.8.1868 – Abb. 100 Mitte) aus Linne bei Bissendorf zur Fotografie fand ist nicht bekannt. Nachdem er von 1882 bis 1885 in Bissendorf eine Lehre als Maler absolviert hatte ging er nach Berlin. Eine fotografische Lehre dort konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Bis zur Gründung des Photoateliers zur Schwalbe im Jahre 1895 war er wie viele Handwerkergesellen auf Wanderschaft (s.a. Bild 253). Einige Fotovorlagen für Postkartenmotive aus dem süddeutschen Raum, die sich in seinem Nachlaß fanden, legen den Schluß nahe, daß er während dieser Zeit bereits als reisender Fotograf für verschiedene Postkartenverlage tätig war. So lernte er auch Anna Katharina (Kätchen) Karl (2.2.1874 – 19.7.1909) aus Oberdorf in Württemberg kennen, die er im Jahr der Ateliergründung in Osnabrück heiratete. Obwohl er sich in der Beherrschung seines Handwerks nicht mit dem Atelier Lichtenberg messen konnte, scheint es ihm nicht schlecht gegangen zu sein, wie einige Fotos aus seinem privaten Umfeld beweisen. Obwohl einige großformatige, sehr sauber ausgeführte Gruppenaufnahmen sein technisches Können dokumentieren, erscheint der Großteil der überlieferten Aufnahmen eher amateurhaft. Die teilweise naive, neugierig experimentierende Herangehensweise führte aber auch zu völlig ungewöhnlichen, lebendigen Fotos. Ein Beispiel hierfür ist das Bild der Kinder vor dem Hegertor (Abb. 306).

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306 Brunnen vor dem Hegertor, G. Sander, um 1900, 9 x 9 cm, r. Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Schulz, Bissendorf)

Da es sich eigentlich um ein Stereofoto handelt, mag der Grund, warum die Kinder der Kamera so nah rücken, in einer Anweisung Sanders gelegen haben, um die räumliche Wirkung des Fotos durch einen belebten nahen Vordergrund zu verstärken. Die Schülergruppe in der Osnabrücker Altstadt (Abb. 307), ebenfalls ein Stereofoto, ist dagegen wieder konventionell aufgefaßt.

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307 Lohstraße, Ecke Bierstraße, G. Sander, um 1900, 9 x 9 cm, r. Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Schulz, Bissendorf)

Auch die Abb. 308 u. 309 stammen aus dem privaten Bereich der Stereofotos, die von Sander nicht komerziell genutzt wurden, sondern der Unterhaltung in der Familie dienten (Abb. 217, 220).

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308 Kottenszene bei Bissendorf, G. Sander, um 1900, 9 x 9 cm, r. Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Schulz, Bissendorf)
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309 An der Schelenburg, G. Sander, um 1900, 9 x 9 cm, r. Teil einer Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Schulz, Bissendorf)

Die Rückansicht der Sutthauser Mühle (Abb. 310) war dagegen eines der zahlreichen Motive aus Osnabrück und Umgebung, die Sander als Postkarten selbst verlegte.

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310 Schledehauser Mühle, G. Sander, 1896, 16,5 x 24 cm (Medienzentrum Osnabrück, Schulz, Bissendorf)

Noch bevor Lichtenberg sich dieser Thematik annahm, versuchte Sander der außerordentlichen Beliebtheit des Bauerngenres in der Gründerzeit mit kolorierten Fassungen seiner Fotos (Abb. 311 – 315) Rechnung zu tragen.

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311 Christian Friedrich Niederschmidt (*1833) vor dem Kleekampschen Haus, Gesmold, G. Sander, 1897, 23,5 x 31 cm (Medienzentrum Osnabrück, Schulz, Bissendorf)
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312 „Niedersächsischer Bauer auf Kirchleute wartend“, G. Sander, 1907, 8,8 x 13,8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Schulz, Bissendorf)
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313 „Niedersächsische Bäuerinnen aus der Kirche kommend“, G. Sander, 1907, 8,8 x 13,8 cm Postkarte (Medienzentrum Osnabrück, Schulz, Bissendorf)

Diese Postkarten entsprachen der damaligen Sehnsucht nach einer Lebensweise, die von der modernen Zivilisation noch nicht berührt schien. Einer idealisierenden Wirklichkeitssicht gemäß entwarf und montierte auch Sander ländliche Idyllen mit Feierabend-Bauern im Sonntagsstaat (Abb. 312, 313).

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314 „Kirchgang, Borgloh (Osnabrück)“, G. Sander, 1907, 8,8 x 13,8 cm Postkarte (Medienzentrum Osnabrück, Schulz, Bissendorf)
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315 Fotostudien zum „Kirchgang, Borgloh“, G. Sander, 1907, 7,3 x 10,2 cm (Medienzentrum Osnabrück, Schulz, Bissendorf)

Ein zeitge­nössischer Rezensent kommentierte die Motive in einem Sonntagsblatt vom 3.12.1905: »Georg Sander – Osnabrück ließ nach photographischen Aufnahmen, die in Gesmold gemacht wurden, zwei gut gelungene Pigmentdrucke herstellen: „Niedersächsischer Bauer, Kirchleute erwartend“ und „Bäuerinnen, aus der Kirche kommend“. Ein Photograph muß nicht nur photographieren, d.h. Lichtbilder aufs Papier bringen können, er muß auch mit Künstleraugen sehen gelernt haben. Häufig ist letzteres nicht der Fall, das zeigen hunderte von Ansichtkarten. Bei den genannten Bildern hat ein Künstlerauge den richtigen Platz ausge­sucht, das sieht man ganz besonders an dem ersten Bilde. Prächtig ist der im Vordergrunde an der Mauer lehnende Bauer, wirklich echter Niedersachse nach dem Aeußeren sowohl als auch nach dem Inneren – schau ihm nur recht ins Gesicht – aber nicht minder prächtig ist die hinter ihm liegende Dorfstraße. Sie könnte zu den „Beispielen“ im „Kunstwart“ und in „Schulze-Naumburg’s Häuserbau“ gehören. Ich wüßte manche Backsteinhausen Dorfstraßen als „Gegenbeispiel“. Und schaue ich nun das zweite Sander’sche Bild an, dann möchte ich wieder diesem den Vorzug geben, hier ist der passendste Augenblick festgehalten. Aus dem Dunkel der Kirche strömen durch das weite romanische Portal die Andächtigen groß und klein. Zwischen den „Modernen“ sieht man sechs Frauengestalten in der ehrwürigen Tracht der Altvorderen; besonders fallen die weißen Mützen mit den langen Bändern auf. Charakteristische Gesichter sind diesen Frauen eigen – man betrachte vor allem die zweite Frau, die sich, noch in der Tür, nach links wendet – nichtssagend ist hier nicht eins, auch nicht ein Kindergesicht. Solche „künstlerische Photographien“ könnten und müßten bei uns viel mehr hergestellt werden.« (Dep.3b XVI Nr.35, Niedersächsisches Staatsarchiv Osnabrück) Die professionelle Fotografie betrieb Sander jedoch nicht lange. 1902 eröffnete er in der Georgstraße ein Bilderrahmengeschäft und gab kurz darauf das Photoatelier zur Schwalbe (Abb. 317) ganz auf.  Fotografien entstanden weiterhin im privaten Rahmen. Von außergewöhnlich lebendigen Bildnissen seiner Söhne (z.B. Abb. 219c) bis zu kitschig überarbeiteten Fotos (Abb. 218) ist er in den verschiedensten Kapiteln dieses Bandes vertreten. Nach dem er 1910 seine zweite Frau Klara (1889 – 1959) geheiratet hatte, wurde er 1923 zum Mitbegründer des »Biochemischen Vereins e.V.« und praktizierte jeweils im ersten Teil der Woche als Naturheilkundiger, während er sich von Donnerstags bis Sonntags dem Rahmengeschäft widmete. Er gründete eine Lehrwerkstatt speziell für Versehrte und veröffentlichte 1924 »Sanders Lehrbuch für den Einrahmer«.

 

316316 Osnabrück von Süden, G. Sander, um 1900, 16,5 x 24 cm

 

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317Photoatelier zur Schwalbe, Osnabrück, Schepeler Straße 20, G. Sander, um 1900, 9,5 x 13,8 cm (Medienzentrum)

 

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