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Aus dem Photoalbum – Schulzeit

Schulzeit

»Wie ich ohngefähr 6 Jahre alt war, wurde ich in der Nähe des elterlichen Hauses – nebst einem Dutzend benachbarter Kinder – zu einem sogenannten Schullehrer, der zugleich während der Schulzeit auch Holzschuhe machte, gesandt und brachte es bei diesem in wenigen Wochen so weit, daß ich lesen konnte, (…). Ich wurde nachher noch drei oder vier Jahre, wenn meine Eltern nichts erhebliches zu tun hatten, in eine andere Bauernschaftsschule gesandt, wo ich mit Auswendiglernen und Schreiben den Anfang machte, (…). Wie ich ungefähr 10 Jahre alt war, fing ich an, die Dorfschule zu besuchen, wo ich wiederholtemale den Katechismus auswendig lernte, viele Gesänge, vielleicht fünfzig an der Zahl, hersagen konnte, im Schreiben aber nur langsam Fortschritte machte. Die Bibel las ich aus Ermangelung anderer Bücher zu Hause so oft durch, daß ich den geschichtlichen Teil derselben so ziemlich auswendig wußte; überhaupt war der Schulunterricht bei Kantor Bernstein so beschaffen, daß alles ganz gedankenlos betrieben wurde, so daß nach vollendeter fünfjähriger Schulzeit ich zwar, wie der Kantor sagte, einer der besten Schüler war, aber dennoch weiter nichts wußte, als eine Menge Fragen, Sprüche und Gesänge gedankenlos herzuplappern, mittelmäßig schreiben konnte und die sämtlichen Exempel in der Bremer Münze ohne Begriff der Sache zu rechnen wußte.« So beschreibt Johann Gerhard Spöde (1773-1857), Sohn eines Heuermannes aus Vehs seine Erinnerungen an die »Klippschule« in Vehs, die Nebenschule in Gr. Mimmelage und die Hauptschule zu Badbergen (Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde des Hasegaues. Neunzehntes Heft, 1927. S. 41f.). Erst der Nachfolger des erwähnten Kantor Bernstein in der Hauptschule Badbergen, Joh.Heinr.Thöle hatte in Hannover das Seminar besucht. Seine Lehrmethode fand zunächst gar keinen Anklang. Die Gegner bemängelten, er erkläre zuviel und lasse zuwenig auswendig lernen (Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde des Hasegaues, Zehntes Heft, 1901, S. 40). Neben den spöttisch als »Klippschulen« bezeichneten privaten kleinen Bauernschaftsschulen lag das Bildungsprivilig fast ausschließlich in kirchlichen Händen. Der Küster und Organist des Kirchspiels war gemeinhin auch für den Unterricht in der Hauptschule zuständig. Die ersten Lehrerseminare wurden im Fürstbistum Osnabrück zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegründet, 1810 ein evangelisches und 1838 das Bischöfliche Seminar. Die verbesserte Ausbildung und Bezahlung der Lehrer sorgte auf dem Lande nur allmählich für ein besseres Bildungsniveau. Ein- und zweiklassige Schulen überwogen noch lange, und da die Kinder im Sommer in der Landwirtschaft helfen mußten, blieb die Schulbildung weitgehend auf Lesen, Schreiben, Rechnen und das Einpauken der Bibel bzw. des Katechismus beschränkt. Auch im wilhelminischen Deutschland war das Lehrssystem noch ganz auf Autorität und Unterwerfung aufgebaut. Die Züchtigung mit dem Rohrstock gehörte zum Schulalltag. In der von K.A. Schmid herausgegebenen »Enzyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens« heißt es dazu: »Auf den eigentlichen Höhepunkt der Strafen gelangen wir mit der energischten Straftat, der körperlichen Züchtigung. Wie die Rute als Symbol der väterlichen Zucht im Hause gilt, so der Stock als das Hauptwahrzeichen der Schulzucht. Es gab eine Zeit, wo der Stock das Allheilmittel war für alle Schäden in der Schule, wie die Rute im Haus. Diese „verblümte Art, mit der Seele zu reden“, ist uralt und allen Völkern geläufig. Was liegt auch näher als die Regel: „Wer nicht hört, muß fühlen!?“ Der pädagogische Schlag ist eine energische Aktion zur Begleitung des Wortes und Verstärkung seiner Wirkung.« (Bd. 8. Gotha 1876, S. 193) Erich Kästner sah das von einer anderen Warte: »In jener Zeit sahen alle Schulen düster aus, dunkelrot oder schwärzlich-grau, steif und unheimlich. Wahrscheinlich waren sie von denselben Baumeistern gebaut worden, die auch die Kasernen gebaut hatten. Die Schulen sahen aus wie Kinderkasernen. Warum den Baumeistern keine fröhlicheren Schulen eingefallen waren, weiß ich nicht. Vielleicht sollten uns die Fassaden, Treppen und Korridore denselben Respekt einflößen, wie der Rohrstock auf dem Katheder. Man wollte wohl schon die Kinder durch Furcht zu folgsamen Staatsbürgern erziehen. Durch Furcht und Angst, und das war freilich ganz verkehrt.« (Erich Kästner, Gesammelte Schriften für Erwachsene, Zürich 1969, S.61) Schulfotos als Gruppenaufnahmen vor dem Schulhaus gab es, von Wanderfotografen gefertigt, bereits in den 60er Jahren. Abb. 231 wurde um 1890 vor dem Nordportal der ev. Kirche in Badbergen aufgenommen.

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230 Meßdiener, Bersenbrück, 1912, 8,2 x 13 cm (Medienzentrum Osnabrück, Bischöfliches Generalvikariat Osnabrück)
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231 Schulklasse, Badbergen ca. 1890, 12 x 16,7 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück)

Rechts im Bild Kantor Herm. Karl Gerwin und links der spätere Kantor Höverkamp. Fotos aus den Klassenräumen sind aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg kaum zu finden. Die Schulfotos wurden für gewöhnlich gerahmt verkauft und wanderten erst später in die Photoalben. Seit den 80er Jahren schickten begüterte Eltern die Schulanfänger zum Fotografen (Abb. 232 u. 233).

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232 „Hanna, 1. April 1908“, 1908, 6,5 x 10,5 cm Visitkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)
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233 „3. April 1909, Ernst“, 1909, 6,5 x 10,5 cm Visitkarte (Medienzentrum Osnabrück,Slg. Beermann)

Die Schultüte bürgerte sich erst in den 90er Jahren ein. Sie geht wohl auf den mit Süßigkeiten gefüllten sog. »Storchenschnabel« zurück, der den älteren Kindern von den Eltern auf das Bett eines Neugeborenen gelegt wurde. Höhepunkte des Schullebens waren Wandertage und Ausflüge in die nähere Umgebung (Abb. 234).

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234 Schulausflug, Steinbruch Glane, 12,2 x 16,8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Birkemeyer, Osnabrück)

Äußerst selten sind Aufnahmen wie Abb. 235.

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235 „An der Hastermühle“, Schulweg, G. Sander, 11,4 x 16,2 cm Visitkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz, Bissendorf)

Es zeigt Schülerinnen mit ihren Schulschürzen, Strohhüten, Holzschuhen und Tornistern auf dem Schulweg. Das Foto wurde um die Jahrhundertwende an der Haster Mühle in Osnabrück aufgenommen. Zur Jahrhundertwende hin setzte sich immer stärker die Einsicht durch, daß auch die Bereiche der Naturwissenschaft und der Technik, die »Realien« nicht länger zu vernachlässigen seien, und zur Ergänzung der Berufsausbildung in Handwerk und Industrie wurden öffentliche Gewerbeschulen eingerichtet. Den Gewerbeschülern auf Bild 236 wird der Handfertigkeitsunterricht noch unter sehr bescheidenen Umständen in einem Kotten in Powe erteilt.

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236 „Kotten in Powe, Gewerbeschüler vor der Tür“. o.J., 8,5 x 10 cm Glasdiapositiv (Medienzentrum Osnabrück)

Lehrer und Schüler sind für dieses Foto vor die Tür gekommen und posieren ganz eindeutig für den Fotografen. Die Abb. 230 u. 237 – 239 beziehen sich auf außerschulische Belange dieser Altersgruppe. Der Kurbetrieb in Bad Rothenfelde hatte sich sehr früh auch auf die Behandlung von Kindern eingestellt. Bereits 1868 entstand die evangelische »Rothenfelder Kinderheilanstalt« (Abb. 238) und 1872 das katholische »Elisabeth-Hospital« In beiden Häusern wurden auch »bedürftige Kinder, z.T. aus schlechten Umweltverhältnissen aufgenommen«, die an der sogenannten Skrofulose litten (Dr. A. Bauer, Rothenfelde als Heilbad, in: Bad Rothenfelde. Vom Salzwerk zum Heilbad, Bad Rothenfelde 1974. S.231). Für sie und für die Kinder der anderen Kurgäste wurde spezielle Kinderfeste ausgerichtet (Abb. 239).  Der Dienst als Meßdiener gehörte in den katholischen Gemeinden, wie hier in Bersenbrück (Abb. 231) zu den Selbstverständlichkeiten jedes Jungendaseins. Die jungen Damen und Herren aus Bohmte auf Abb. 237 präsentieren sich mit Fächern und weißen Handschuhen stolz dem Fotografen. Die Tanzstunde gehörte mit zur Vorbereitung auf das heiratsfähige Alter mit seinen neuen Freiräumen.

237237 Tanzschule, Bohmte ca. 1917 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Bohmte)

 

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238 „Evangel. Kinderheilanstalt, Speisesaal, Bad Rothenfelde“ K. Lübbert, Dissen, Juni 1915, 8,8 x 13,5 cm Postkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Dr.-Bauer-Heimatmuseum. Bad Rothenfelde)

 

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239 Kinderfest, Erntefest, Bad Rothenfelde, 1912, 8,5 x 13 cm (Medienzentrum Osnabrück (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Dr.-Bauer-Heimatmuseum. Bad Rothenfelde)

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