Aus dem Photoalbum – Kindheit

Kindheit

Die so häufig angeführte Aufnahme des nackten Babys auf dem Eisbärenfell war im Osnabrücker Raum zumindest im hier gewählten Zeitabschnitt wohl nicht sehr populär, entsprechende Beispiele konnten bisher nicht gefunden werden. Sehr zahlreich vertreten ist dagegen der Bildtyp »Junge Frau mit Kleinkind«.

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217 „Helmuth, geb. 8. Okt. 1900, mit Kinderfrau“, 1900, 6,3 x 10,3 cm Visitkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tepelmann)

Der Fotograf Georg Sander hat hier seine junge Frau Kätchen und den kleinen Willi zunächst für eine vignettierte Visit-Karte abgelichtet und die Negativplatte dann für den Rahmen vergrößert und mit Kohle überarbeitet (Abb. 218).

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218 Kätchen (Anna Katharina) Sander mit Sohn Willi, G. Sander, 7.5.1896, 30 x 36,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz, Bissendorf)

Ähnlich ungewöhnlich sind die für die damalige Zeit sehr privaten Fotos seiner Familie in der Stube (Abb. 219 u. 220) ihrer Wohnung an der Johannisstraße in Osnabrück.

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219 „Mutters Freude“, G. Sander 1902/03, 7,5 x 8 cm, l. Teil e. Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz Bissendorf) 220 Familie Sander, G. Sander 1902/03, 7,5 x 8 cm(r. Teil e. Stereokarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz Bissendorf)

 

Der Apparat, durch den der älteste Sohn Willi Stereokarten betrachtet, ist ein Graphoskop. Die abgebildeten Fotos selbst sind Teilaufnahmen derartiger Stereokarten. Für die Fotografen im normalen Atelierbetrieb war die Arbeit mit Kindern besonders schwierig. Nicht selten verlangten sie das Doppelte des normalen Preises für Kinderfotos. Der Berliner Fotograf Max Petsch erarbeitete ausführliche Regeln für seine Kollegen. In seinem Aufsatz „Über Kinderaufnahmen“ riet er 1871 u.a.: »Hier kann nur die Ruhe und Geduld des Photographen helfen. Man zeige ein Spielzeug oder den Struwwelpeter, beachte aber hierbei die Vorsicht, keine besondere Anregung zu verursachen, damit die Empfänglichkeit im richtigen Moment nicht beeinträchtigt wird (…). Das Einstellen muß flink gehen. In diesem Augenblick kommt es auf das geschickte Zusammenwirken zweier Personen an. Der Eine beschäftigt in einigen Schritt Entfernung das Kind, der Andere lauert am Objectiv auf den Augenblick vollständiger Ruhe. Diesen Augenblick zu einem möglichst langdauernden zu gestalten, ist nun Hauptsache. Ein Spielzeug, welches Auge und Ohr zugleich angenehm beschäftigt, plötzlich aus einer Schachtel herausgeholt, thut gewöhnlich die gewünschte Wirkung.« (zit.n. Ellen Maas, Die goldenen Jahre der Photoalben, Köln 1977, S.94). Als soziokulturelle Quellen eignen sich die Atelieraufnahmen (Abb. 221 u. 222)von Kindern nur bedingt.

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221 -a: Bernhard und Friedrich Tepelmann, ca. 1875, 6,5 x 10,5 cm Visitkarte (Medienzentrum Osnabrück, Tepelmann)-b: „Erwin Schultz, Okt. 1877“, 1877, 6,5 x 10,5 cm Visitkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz, Bissendorf)-c: Karl Sander, G. Sander, ca. 1902 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz, Bissendorf)

-d: Geschwister um 1875, 5 x 8,5 cm (Medienzentrum Osnabrück)

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222 -a: Karl Sander, G. Sander, ca. 1899, 6,5 x 10,5 cm Visitkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz Bissendorf)-b: Georg Sander, G. Sander, ca. 1904, 6,5 x 10,5 cm Visitkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz, Bissendorf)-c: Karl und Willi Sander, G. Sander, ca. 1902, 6,5 x 10,5 cm Visitenkarte (Medienzentrum Osnabrück, Stadtmuseum, Quakenbrück)

-d: Gesine Koopmann, verh. Bente, Wilh. Gräf, 1900, 10,7 x 16,5 cm Cabinetkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz, Bissendorf)

Die Spielsachen auf den Fotos stammten meist aus dem Fundus des Fotografen, (Murmel und Kreisel als überaus beliebte Dinge tauchen z.B. wegen ihrer Kleinheit nicht auf), und auch die ärmeren Kinder wurden möglichst fein angezogen, wenn es zum Fotografen ging. Trotzdem geben sie Aufschlüsse über den historischen Zeitabschnitt, in dem sie entstanden, über die Art der Kleidung, die Frisur, die Haltung des Kindes usw.. So werden die feingemachten Knaben der Gründerzeit romantisierend, in aristokratisch schwarzen oder blauen Samt gekleidet (Abb. 221a u. d), präsentiert. Die Jungen der Wohlhabenden selbst bevorzugten jedoch Tweedjacketts mit Kragen und Schleife und dazu lange Hosen, oder die aus England kommenden Breeches, enge Kniehosen. Schnürstiefel und gar Halbschuhe kamen auf, und so war der junge Herr schon mit 10 Jahren fertig (Abb. 221b). „Russenkittel“ und „Hängerchen““ (Abb. 220a u. 220b) waren dagegen eine sehr praktische Kindermode, die nach der Jahrhundertwende in Folge der neuen Reformbewegung wieder auflebte. Ausgehend von der Kaiserfamilie war der Matrosenanzug als Jungenkleidung (Abb. 221c, 222c)schon seit den siebziger Jahren in Deutschland in Mode. Der echte Kieler Matrosenanzug gedieh zur Wertmarke bürgerlichen Nationalstolzes. Das Feinste für Mädchen aber war und blieb die Farbe Weiß (Abb. 221d, 222d, 223). Weiß als Zeichen der Unschuld und Kindlichkeit. »Lizzi, trotz früher Stunde, war schon in vollem Staate. Das etwas gewellte blonde Haar des Kindes hing bis auf die Hüfte herab; im übrigen war alles weiß, das Kleid, die hohen Strümpfe, der Überfallkragen, und nur um die Taille herum, wenn sich von einer solchen sprechen ließ, zog sich eine breite rote Schärpe, (…). Die Kleine, (…) hätte sofort als symbolische Figur auf den Wäscheschrank ihrer Mutter gestellt werden können, so sehr war sie der Ausdruck von Weißzeug mit einem roten Bändchen drum« (Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, Frankfurt a.M. 1984, S. 114). Das Foto von vier Jungen aus Natrup-Hagen (Abb. 224) entstand zwar erst Anfang der 30er Jahre, die mitabgebildeten Spielsachen, der Roller und ein sog. „Holländer“, sowie Kleidung und Haartracht finden wir jedoch genauso auf zwanzig Jahre älteren Fotos.

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223 Ostercappelner Mädchen 1910 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Uhlenbrock, Ostercappeln)

Lediglich das Tretauto ist vielleicht etwas neueren Datums. Aus diesem Grunde erscheint eine Gegenüberstellung mit den Mädchen aus Ostercappeln von 1910, auch sie überwiegend in weißen Kleidchen, mit ihren Kinder- und Puppenwagen (Abb. 223) ohne weiteres statthaft.

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224 Die Meyer zu Natrup – Söhne, Hagen, 8,8 x 13,2 cm, Postkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Meyer zu Natrup, Hagen)

Kein „besseres“ Kind betrat die Straße ohne Hut, wobei im Sommer aufgeschlagene Strohhüte besonders beliebt waren. Noch stärker vom Alltag geprägt sind die Kinderfotos von Amateurfotografen. Sei es das Geschehen auf dem Spielplatz des Kurortes Bad Rothenfelde, die Rauferei im Garten oder das Bad in der Nette (Abb. 225 – 229), es wurde versucht, Alltagssituationen abzulichten, die Statik der Atelieraufnahmen zu durchbrechen und Bewegung festzuhalten.

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225 „Rauferei“, 1914, 8,5 x 10 cm (Medienzentrum Osnabrück, Cronemeyer, Osnabrück) 226 „Am alten Gradierwerk“, Kinderspielplatz, Bad Rothenfelde, F. Hemmelskamp (?),um 1905, 8 x 8 cm (Medienzentrum Osnabrück)
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227 „Nette bei Knollmeyer, Rulle“, 8,5 x 10 cm Glasdiapositiv (Medienzentrum Osnabrück)
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228 „Joachim List“, 1916, 8,8x 13,7 cm Postkarte (Medienzentrum Osnabrück, Tietje, Osnabrück)
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229 Großmutter Müller mit Enkeln um 1920, 9 x 13,5 cm (Medienzentrum Osnabrück)

 

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