Aus dem Photoalbum – Junggesellen und Backfische

Junggesellen und Backfische

Der Nachhall der Eliteschule Gymnasium in den Erinnerungen und Romanen einiger der bedeutensten deutschen Dichter und Schriftsteller, die in der Kaiserzeit Kinder waren, ist geradezu alptraumhaft. Charakteristisch ist, daß diese Schüler nach den Maßstäben des damaligen Schulsystems fast ausnahmslos Versager waren: Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Thomas Mann, Carl Zuckmayer und viele andere haben ihrer Abscheu vor den wilhelminischen Drillanstalten literarischen Ausdruck gegeben. Die eindrucksvollste Schilderung einer derartigen Schulerfahrung liefert vielleicht Thomas Mann im letzten Teil der „Buddenbrooks“, in dem die Leiden des Knaben Hanno beschrieben werden. Etwas knapper zieht der deutsche Philosoph Theodor Lessing (1872-1933) in seinen Lebenserinnerungen Bilanz: »Dieses humanistische deutsche Gymnasium mit Patriotismus, Latein und Griechisch als Hauptfächern, Mathematik, Geschichte und französischer Grammatik als Nebenfächern – (Englisch war noch nicht obligatorisch) -, diese halb auf Ämterwettlauf und Streberei, halb auf eine verlogene, deutschtümelnde Phrasenhaftigkeit aufgebaute Menschenverdummungsanstalt war nicht nur ungeheuerlich gewissenlos, – sie war vor allem langweilig, langweilig bis zum Stumpfsinn! Meine ersten Bücher, die heute leider verschollen sind, bewahren die Sehnsüchte und Qualen dieser Zuchthausjahre. Nichts, nichts, nichts könnte je gutmachen, was diese fünfzehn Lebensjahre in mir zerstört haben. Noch heute träume ich von den Folterqualen der Schulzeit.« (Th. Lessing, Einmal und nicht wieder, Gütersloh 1969, S.109) Ganz anders gelagert sind die Erinnerungen des Osnabrückers Karl Kühling an seine Schulzeit: »Die drei Gymnasien (Carolinum, Ratsgymnasium, Realgymnasium) trugen Klassenmützen, die praktisch die einzige im Sommer wie im Winter getragene Kopfbedeckung der Schüler darstellte.

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240 „C.R.P.C. ALEMANNIA Osnabrugensiss“, R. Lichtenberg (?), o.J., 18,5 x 26,85 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Göhmann, Osnabrück)

 

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241 Willi Sander mit Schulfreunden, G. Sander, 19,7 x 8,7 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz, Bissendorf)

 

Hüte- oder Mützenprobleme gab es nicht. Für sehr schlechtes Wetter gab es wachstuchene, für Snobs auch schwarze Seidenüberzüge zur Schonung der Mütze. (…) Das Carolinum trug grundsätzlich als unteren Mützenstreifen Schwarz-Rot-Gold und wechselte nur die Mützenfarbe. Der Primat der Primaner bestand auf allen Gymnasien darin, daß sie die rote Farbe beanspruchen durften. Die Abiturienten trugen zum Zeichen ihrer Würde „Stürmer“, die beim Carolinum aus schwarzem Samt, beim Ratsgymnasium weiß, beim Realgymnasium rot waren und auf der Vorderfläche den Maturitätszirkel trugen. (…) Den Gymnasiasten taten es Präparanden und Bürgerschulen bald nach, so daß das Straßenleben in Osnabrück ein recht buntes Bild bot, zumal sich die Mädchenschulen keineswegs ausschlossen Nach der Sitte der Zeit waren die Mädchenmützen allerdings – sogar für unseren Geschmack – reichlich brav: große verschiedenfarbige Tellermützen mit zwei Bändern an der Rückseite wie bei den Matrosenmützen, mit breiten Randstreifen und einem ebenso gefärbten Schrägstreifen, der zum oberen Mützenrand führte. Natürlich waren die Mützen auch schirmlos wie Matrosenmützen und saßen zumeist so brav auf den wohlgescheitelten und bezopften Mädchenhäuptern, daß wir sie, die Mützen natürlich, gräßlich langweilig fanden und alle Mädchen bewunderten, die gegen elterliche Anordnung zunächst einmal den Bügel aus dem oberen Rand entfernten und diesen mit einigen feschen Knicken versah. (…) Über die Lehrer kann ich viel erzählen, zumal ich das Glück hatte, fast immer vortreffliche, auch pädagogisch ausgezeichnete Lehrer zu haben« (K.Kühling, Osnabrück. Altstadt um die Jahrhundertwende, Osnabrück 1969, S. 73ff.) Das vor allem von Wilhelm von Humboldt initiierte humanistische Bildungsideal und dessen ursprünglich emanzipatorischer Ansatz prägte also doch immer wieder einzelne Lehrerpersönlichkeiten, die in diesem kinderfeindlichen System von vielen Schülerinnen und Schülern akzeptiert und geschätzt wurden. Völlig anders stellt sich in den Erinnerungen die »alte Burschenherrlichkeit« dar. Durch einschlägige Romane und Bühnenstücke wurde das Bild des deutschen Studenten in den Augen der breiten Bevölkerung auf die Klischeevorstellungen: Martialisches Auftreten, Studentenmütze, voller Wichs, Studentenlieder gröhlend, unablässig Bier trinkend, mit der Wirtstochter anbändelnd und selten zum Studieren, um so häufiger zu dummen Streichen aufgelegt zu sein – festgelegt. Kritische Stimmen finden sich kaum. Wie es scheint, gehörte es zu den wichtigsten Studentenpflichten, sich auf dem »Paukboden« mit dem Säbel wechselseitig die Wangen aufzuschlitzen. Diese albernen Zeichen von Männlichkeit nannte man stolz »Schmisse« (Abb. 243 – 245).

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242 „Abitur, 25. Feb. 13“, 1913, 8,8 x 13,8 cm Postkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tepelmann, Osnabrück)

 

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243 „Otto Dunkhase und Theo Sommer“, O.Haack, Jena, 10,7 x 16,5 cm col. Cabinetkarte (Medienzentrum Osnabrück)
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244 „Studentenzeit von Heinrich Cronemeyer in Marburg/Lahn“, 1911, 7,6 x 11,1 cm (Medienzentrum Osnabrück, Cronemeyer, Osnabrück)
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245 „Studentenzeit von Heinrich Cronemeyer in Marburg/Lahn, 24.7.1913“, H. Cronemeyer, 1913, 7 x 10 cm (Medienzentrum Osnabrück, Cronemeyer, Osnabrück)

Im übrigen war es wichtiger, den Bierabend der Verbindung, bei dem Kommandos gebrüllt und »Salamander gerieben« wurden, wahrzunehmen. Die guten Beziehungen der »schlagenden Verbindungen« und die Alten Herren würden schon für die Zukunft sorgen. Unter den knapp 35.000 Studenten, die um 1900 die damals 21 Universitäten Deutschlands besuchten (Thomas Ellwein, Die deutsche Universität, Königstein/Ts. 1985, S.319), waren kaum weibliche Studenten. Abb. 246 dokumentiert da lediglich eine Maskerade.

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246 „Else Schlichting (1894 – 1972) und Marie Cronemeyer (1895 – 1977), Pensionatszeit in Marburg“, 1913, 8,8 x 13,8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Cronemeyer, Osnabrück)
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247 „Else Schlichting und Marie Cronemeyer, Pensionatszeit in Marburg“, 1913, 8,8 x 13,8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Cronemeyer, Osnabrück)

Auf einer pädagogischen Konferenz in Weimar wurden die Ziele der höheren Mädchenbildung 1872 folgendermaßen umrissen: »Es gilt, dem Weib eine der Geistesbildung des Mannes in der Allgemeinheit der Art und Interessen ebenbürtigen Bildung zu ermöglichen, damit der deutsche Mann nicht durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit der Frau an dem häuslichen Herd gelangweilt und in seiner Hingabe an höhere Interessen gelähmt werde, daß ihm vielmehr das Weib mit Verständnis dieser Interessen und der Wärme des Gefühls für dieselben zur Seite stehe.« (Zit.n. H. Glaser/W. Pützstück, Ein deutsches Bilderbuch. 1870 – 1918, München 1982, S.286). Qualifizierte Berufsmöglichkeiten für Frauen aus den »besseren« Ständen wurden jedoch immer notwendiger. 1890 zählt eine Statistik über 52 % unverheiratete Frauen in dieser Gesellschaftsschicht (Zit.n. A. Ullrich, Entwurf zur Reorganisation der städtischen höheren Töchterschule in Nürnberg, Nürnberg 1896, S.2). Neben den Pensionaten und Hauswirtschaftsschulen wurden gegen Ende des Jahrhunderts vermehrt Seminarstufen eingerichtet, die auf eine Lehrerinnenausbildung vorbereiteten (Abb. 248).

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248 Lehrerinnenexamen 1917, 8,7 x 13,5 c Fotopostkarte (Medienzentrum Osnabrück, Birkermeyer, Osnabrück)
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249 Stickarbeiten und Aussteuer 1913, 8,5 x 10,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Cronemeyer, Osnabrück)
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250 Rot-Kreuz-Helferin, 1914, 8,8 x 13,8 cm Postkarte (Medienzentrum Osnabrück, Cronemeyer, Osnabrück)

 

Erstrebenswerter als das Studium war für viele der jungen Männer eine Karriere beim Militär. Den Stellenwert in der öffentlichen Meinung soll nochmals Theodor Fontane deutlich machen: »Sie wissen so gut wie ich oder besser als ich, daß es in unserem guten Lande Preußen (wie übrigens in jedem anderen Lande auch) etablierte Mächte gibt, denen man sich unterwirft. Diese Mächte sind verschieden: Geld, Adel, Offizier, Assessor, Professor … Jede Gesellschaftsklasse, jeder Hausstand hat ein bestimmtes Idol. Im ganzen aber darf man sagen: Es gibt in Preußen nur sechs Idole, und das Hauptidol, der Vitzliputzli des preußischen Kultus, ist der Leutnant, der Reserveoffizier. Da haben sie den Salat. (…)« (Th. Fontane, Brief v. 3. Oktober 1893, in: Fontanes Briefe Bd. 2, Berlin u. Weimar 1980, S.309). Auch die niederen Ränge profitierten während der zweijährigen (später dreijährigen) Militärzeit von diesem Prestige. Ein Foto aus diesem Lebensabschnitt gehörte jedenfalls in jedes Photoalbum (Abb. 251, 252).

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251 Ulan in Paradeuniform, Atelier zur Schwalbe, Osn. 8 x 18,5 cm Handcoloriert (Medienzentrum Osnabrück)
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252 „3te Rekrut.-Abth. 1te Com. Herzg. Fried. Wilh. Braunschw. (Ostfr.) Nr.78 Osnabrück 1890“, Unbek. Berufsfotograf, 1890, 20,5 x 27 cm (Medienzentrum Osnabrück,Rebber, Ostercappeln)

Seltener zu finden sind Fotos, die die zu jeder handwerklichen Ausbildung gehörenden Wanderjahre dokumentieren. Der Zeichner vor dem prachtvollen Adelssitz (Abb. 253) ist Georg Sander (1868 – 1957) aus Linne, der in Berlin eine Ausbildung zum Photographen absolviert hatte und von 1885 – 1895 »auf der Walz« war, bis er 1895 ein Photoatelier in Osnabrück eröffnete.

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253 Georg Sander „Auf der Walz“, um 1890, 16,5 x 24 cm, 8,5 x 10,5 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz, Bissendorf)

 

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