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Aus dem Photoalbum – Familienbilder

Familienbilder

»Es liegt in der Natur des Menschen, dass die Eltern wünschen, ihre Kinder und Enkel sollen sich ihrer erinnern, ihre Ratschläge und Lehren nie vergessen, sondern getreu befolgen und glücklich sein. Um ihr Bild den Nachkommen zu erhalten, lassen sie sich porträtiren … Auf welche Art aber wird die wichtige Aufgabe am besten erreicht werden, den Kindern und Enkeln die Lehren und Ermahnungen der Aelteren durch ein Bild ins Gedächtniß zu rufen? Aus psychologischen Gründen werden zu diesem Zwecke jene Photographien am sichersten dienen und am wirksamsten beitragen, in welchen der Sohn und die Tochter neben dem Vater und der Mutter auch sich selbst in einer Familiengruppe abgebildet findet. (…) Diese Photographien werden die Ahnenbilder des Bürgerstandes der Neuzeit bilden, als theuere Vermächtnisse für die Nachkommen der Familie einen unschätzbaren Werth besitzen, und zur Fortpflanzung und Förderung der Bürgertugenden in der Zukunft gewiß kräftig aufspornend mitwirken.« (Die Photographie als Erziehungsmittel, in: Die Haushaltung, 1864) Diese Funktionsbeschreibung der Familienfotos verweist zugleich auf die latente Gefährdung der gerade erst etablierten Kernfamilie. Aus der Großfamilie mit ihren weitläufigen und noch fortbestehenden Verwandtschaftsgefügen entstanden, wurde sie zur »Hauptbühne des privaten Lebens im 19. Jahrhundert (…); sie stellte die Figuren und Rollen, gab die Bräuche und Rituale, die Intrigen und Konflikte vor. (…) Triumphierend beherrschte sie Doktrinen und Debatten – von den Konservativen bis zu den Liberalen, ja, sogar zu den Fortschrittsparteien, die sie einmütig als Keimzelle der organischen Gesellschaftsordnung feierten.« (Philippe Ariès u. Georges Duby [Hg.], Geschichte des privaten Lebens, Bd.4, Frankfurt a.M. 1992, S.97) Auch die Fotografie wurde also in das Bemühen des Familienverbandes, seine Mitglieder fest auf seine Zwecke einzuschwören, eingebunden. Gegen die zunehmenden Spannungen zwischen den Geschlechtern und Generationen versuchte man, ein Bild der familiären Geschlossenheit zu setzen. Zusammengehörigkeit spricht aus vielen Familienfotos der damaligen Zeit, egal ob es sich um eine arme Heuerlingsfamilie aus dem Wittlager Raum handelt (Abb. 211), deren drei älteste Kinder, kurz nachdem der Wanderfotograf auf den Auslöser gedrückt hatte, mit jeweils einem Abzug dieses Familienfotos im Gepäck nach Amerika auswanderten, oder um die wohlsituierte Familie des späteren Speditionsunternehmers Hellmann (Abb. 212).

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211 Familie Rögge, Wittlage, unbek. Wanderfotograf, 1864, 10,5 x 15 cm Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg Komber, Barkhausen)
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212 Familieportrait Hellmann, Osnabrück, 1895, 15,5 x 23 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Fülber, Osnabrück)

Im übrigen nivellierte das fotografische Atelier die gesellschaftlichen Unterschiede. Die Arbeiterfamilie Günther(Abb. 213) gibt sich ebenso repräsentativ wie die Familie Hellmann.

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213 Familie Günther, Georgsmarienhütte, um 1907, 18 x 24 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg Beermann, Georgsmarienhütte)

Verläßlichere Rückschlüsse auf die Lebensumstände lassen die Fotos zu, die von Wanderfotografen direkt vor der Haustür belichtet wurden (Abb. 214).

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214 Familie Franksmann vor Gut Altenhagen, 1906 (Medienzentrum Osnabrück,  Slg. Beermann, Georgsmarienhütte)

Die Sujets der Amateurfotografen waren auch auf diesem Gebiet andere als bei den professionellen Kollegen. Die Höhepunkte des bürgerlichen Familienjahres, also vor allem das Weihnachtfest und die ausgiebig gefeierten Geburtstage von Familienangehörigen und Verwandten, sind zumeist aus Amateurshand überliefert. Blitzlichtaktionen sorgten am Heiligen Abend in der Familie Sander für Aufregung (Abb. 215),

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215 „Weihnachten 1902“, G. Sander, 1902, 8 x 7,5 cm l. Teil e. Stereokarte 1906 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schulz, Bissendorf)

und das Oberhaupt der Familie Tepelmann lichtete die Geburtstagsgeschenke für seine Frau Margarete für das Familienalbum ab, nicht ohne sich selbst hinter der Kamera im großen Eckspiegel mit ins Bild zu bringen (Abb. 216).

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216 „Geburtstag 27. April 1905“, O. Tepelmann, 1905, 8 x 8 cm 1906 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tepelmann, Osnabrück)

Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme (1905) bzw. das ganze erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts bestanden die alten, klassischen „Einsteck“-Alben noch neben den neu aufgekommenen Amateuralben. Fünfzig Jahre lang wurden in ihnen alle Lebenssituationen und Altersstufen in kontinuierlicher Reihung wiedergegeben, und viele dieser Alben begannen mit einem Familienfoto. Als Renomierstück lagen die Familienalben für den Besucher in der »guten Stube« bzw. im Salon aus, um zu zeigen, was aus der Familie geworden war: die Tochter gut verheiratet, der Sohn als Student oder beim Regiment, der Geschäftsneubau und das Foto aus der letzten Sommerfrische. Auch auf den Familienbildern ist selbstverständlich nur die friedlich harmonische Seite zu sehen. Ob nun vom Fotografen oder vom Amateur gemacht, nahezu alle Fotos bildeten nur das ab, was sie vorzeigen durften bzw. wollten.

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