Aus dem Photoalbum – Die ältere Generation

Die ältere Generation

Die Ehepaare auf den Abb. 261 – 264 zeugen neben ihrer eindrucksvollen Präsentation hiesiger Physiognomien von der großbäuerlichen Heiratspolitik in der Osnabrücker Region.

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260 „Frau Amtmann Wippern, Lucie Wippern, Pflegerinnen, Bad Iburg“, H. Wöbbekind, Osn., 6,2 x 10,5 cm Visitkarte, Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg.Gent, Osnabrück)
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261 Ehepaar Detert, Wissingen 1850(?), 6,4 x 9,8 cm Visitkarte, Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg.Zaun, Osnabrück)
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262 Ehepaar Tiemann, Icker, Joh. Hermann Heinrich Tiemann und Frau Anna Cath. Sophia verw. Kassing, geb. Sudhoff, Bissendorf (verh. 24.7.1844) 1850 (?), 6,5 x 9,8 cm Visitkarte, Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg.Tiemann, Icker)
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263 Ehepaar Pante, Icker, Carl Dietrich Pante, geb. Lammerding (verh. 9.11.1847) 1850(?), 6,4 x 9,8 cm Visitkarte, Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg.Tiemann, Icker)
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264 Ehepaar Brockhoff (Landwirt), Bissendorf 1850 (?), 6,5 x 9,8 cm Visitkarte, Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg.Zaun, Osnabrück)

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Heiratet wurde auf dem Lande und in den gehobenen Schichten erst spät. Dies gilt allgemein als Hinweis auf autoritäre Familienstrukturen. Die patriarchalische Ordnung des Bauernhofs bestimmte die Partnerwahl der Kinder und damit die Familiengeltung und Vererbung des Besitzes. Die Erbfolge war sehr unterschiedlich geregelt, sie wechselte teilweise von Hof zu Hof. Das Anerbenrecht war jedoch durchgängiges Prinzip, egal ob jetzt der jüngste oder älteste Sohn, bzw. die Tochter, wenn kein männlicher Nachkomme existierte, den Hof erbte. Die »abgehenden« Töchter und Söhne wurden je nach Hofgröße und Geschwisteranzahl abgefunden und da man kaum unter Stand heiratete, war die Verehelichung jüngerer »weichender« Söhne mit einer älteren Hoferbin keine Seltenheit. Der Mann nahm in diesem Falle auch den Namen der Frau, bzw. des Hofes an (Abb. 263). Die Hofübergabe an die jüngere Generation war ebenfalls unterschiedlich geregelt und ein steter Zankapfel. Sie bedeutete nicht nur einen neuen Lebensabschnitt und den Ausstieg aus dem normalen Bauernleben, sondern war mit dem Verlust des Hofnamens gleichsam auch mit einem sozialen Abstieg verbunden. Die Übergabeverträge wurden notariell abgefaßt und beinhalteten präzise die an die ältere Generation zu erbringenden Leistungen.

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265 „Zur Erinnerung an den Tag der goldenen Hochzeit am 12. November 1884“, 1884, 20,2 x 25,3 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg.Schulz, Bissendorf)
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266 Ehepaar Oberdiek, Ostenwalde um 1900, 8 x 11,2 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Grönegau Museum Melle)

»Da ist genau das Altenteilzimmer im Obergeschoß mit seiner Einrichtung beschrieben und die zu reinigende Treppe; da ist die Verköstigung bis auf jeden Liter Milch und jedes Ei im Sommer und im Winter festgelegt und jede Sonderleistung im Krankheitsfall; da werden pedantische Vorschriften erlassen über einen verbliebenen Ackerrest oder Weingarten und seine Bewirtschaftung; da wird jede Unsicherheit beseitigt über die Reinhaltung der Stuben, ihre Instandsetzung und Beheizung.« (Ingeborg Weber-Kellermann, Landleben im 19. Jahrhundert, München 1987, S.221) Für die ältere Generation bedeutete dies den Umzug in die Altenteilstube bei den ärmeren Bauern, bzw. ins Leibzuchthaus (s.a. Abb. 190) bei den etwas wohlhabenderen. Das Wohl des Hofes stand hierbei eindeutig im Vordergrund, denn teilweise mußten bis zu vier Generationen von ihm leben. Heimatromane um 1900 und auch die älteren Märchen werfen in dieser Beziehung kein allzugutes Licht auf die humanen Qualitäten der Bauernfamilie. Lebten beide Eltern noch, so konnten sie auf ihrem Altenteil ihre eigene bescheidene Wirtschaft führen und auch ihre großelterliche Funktion in der Kinderbetreuung wahrnehmen. So mag in vielen Familien das Zusammenleben im traditionellen Dreigenerationenhaushalt gut verlaufen sein. Schwierigkeiten stellten sich häufig dann ein, wenn die Bäuerin die Fürsorge für den allein übrig gebliebenen Vater mit übernehmen mußte. Krankheiten wurden als selbstverständliche Begleiterscheinungen des Alters empfunden. Teure Arztkosten kamen nur in Ausnahmefällen in Betracht. Die Frauen waren vor allem durch den Tod im Wochenbett gefährdet. »Offene Beine« als Folge der zahlreichen, oft jährlichen Geburten und der mangelhaften Pflege der Wöchnerin, ihrer sofortigen Wiedereinbindung in den Arbeitsprozeß, war die verbreitete Frauenkrankheit schlechthin. Zwei- oder dreimalige Wiederheirat war aufgrund der allgemein niedrigen Lebenserwartung recht häufig anzutreffen. Die nahe und unsentimentale Beziehung zum Tod hing mit dem relativ frühen Verbrauchtsein dieser Menschen zusammen und läßt sich auch an den Fotos ablesen. Die meisten der Abgebildeten würden wir mit unserem heutigen Blick wesentlich älter einschätzen als sie tatsächlich zum Zeitpunkt der Aufnahme waren. Die Bräuche bei Todesfällen waren sehr vielfältig, eine fotografische Dokumentation derselben jedoch in der hiesigen Region wohl nicht üblich.

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267 Familienbild mit Foto einer Verstorbenen, W. Pieper, Osn., 1.10.1908, 21 x 30 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Köhne, Osnabrück)

So haben sich nur wenige Bilder eines Leichenzuges, als des öffentlichsten dieser Bräuche erhalten. Besonders beim Leichzug zeigte sich noch einmal, welche soziale Stellung der Verstorbene eingenommen.

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268 Beerdigungszug, Dissen 1898, 9,2 x 14 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimatverein Dissen)

 

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