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Arbeitswelten – Gewerbe und „altes“ Handwerk

Gewerbe und »altes« Handwerk

Die ländlichen »Material- und Kolonialwarenhandlungen« waren in der Regel sowohl An- als auch Verkäufer. Kommerzielles Tauschen, z.B. Eier und Butter gegen Salz und kleinere Haushaltswaren war bis über die Jahrhundertwende hinaus üblich. Dem Tausch lagen als Wertgröße aber immer das Geld, bzw. die jeweils aktuellen Preise zugrunde. Die Einkäufe wurden gewöhnlich sonntags gemacht. Sonntagsruhe kannte man noch nicht. Um sechs, sieben Uhr wurden die Läden aufgemacht und nicht vor zehn Uhr abends geschlossen. Der noch lange gebräuchliche Begriff der »Kolonialwaren» geht übrigens ganz konkret auf die kolonialen Bestrebungen des Deutschen Reiches bis zur Niederlage im 1. Weltkrieg zurück.
Abb. 28 zeigt das Innere der Haushaltswarenhandlung Levien in Alfhausen, eines typisch dörflichen Geschäfts um 1900.

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28 Haushaltswarenhandlung Levien, Alfhausen, Levien, um 1900, 8,9 x 14 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Jeder freie Winkel und auch die Decke ist mit einbezogen, um das Warenangebot vor den Augen des Kunden auszubreiten. Von den Bonbongläsern links hinter dem Tresen über Töpfe, Pfannen und Schüsseln bis hin zu modernen Kochmaschinen (auf dem Land ab ca. 1875), die aus Platzgründen sogar gestapelt werden, kann hier fast jeder Wunsch erfüllt werden. So muß man vor der Jahrhundertwende nur in die Stadt, wenn man Konfektionsware benötigt.
Auf Abb. 29 wird das Badberger Geschäft Hedemann mit Fahrrädern (sie werden in den 1890er Jahren zu dem Massenkonsumartikel) beliefert.

29 Belieferung des Badberger Geschäfts Hedemann, um 1905, 17,2 x 22,9 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Stadtmuseum Quakenbrück)

Dies geschieht zwar noch mit dem Pferdefuhrwerk, die fortschreitende Technisierung klingt in dem links vor dem Fuhrwerk stehenden Motorfahrrad jedoch bereits an. Es handelt sich um eines der ganz frühen Modelle aus den Anfangsjahren der Motorradpioniere (allem Anschein nach eine 3 PS Komet von 1905). Der Keilriemenantrieb ist noch Standard, und nur bei wenigen Modellen gehört eine Karbidlampe bereits zur Serienausstattung.
Einen Blick in den Frisiersalon Asmus in Quakenbrück im Jahre 1900 gewährt Abb. 30.

30 Friseur Asmus, Quakenbrück, um 1900, 8 x 10,8 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Stadtmuseum Quakenbrück)

Die Einrichtung verbreitet Wohnstuben-Atmosphäre. Unter dem Stichwort »Barbier« heißt es noch 1897 in »Meyers Konversationslexikon« u.a. »… ein Mann, der gewerbsmäßig rasiert, frisiert usw., auch Perücken macht und oft niedrige Chirurgie (Schröpfen, Aderlassen, Operieren von Hühneraugen, Ausziehen von Zähnen usw.) ausübt.« Bei Meister Asmus ließen sich die jungen Männer aus der Umgebung vor den Kirmestagen das Haar mit der über der Spiritus- oder Gasflamme heißgemachten Kreppschere »stadtfein« machen, die mutigeren unter den jungen Mädchen schwärmten für Frisuren nach historischen Vorbildern, wie »Marie-Antoinette« oder »Fregatte«.
Beispiel für eine immer stärkere Ausbreitung des Dienstleistungsgewerbes ist die Innenansicht aus der chemischen Reinigung J.u.C.Radigk in Osnabrück aus dem Jahre 1920 (Abb. 32).

31 Redaktion des „Osnabrücker Tageblattes“, R. Lichtenberg, 1910 (Medienzentrum Osnabrück)
32 Chemische Reinigung J. und C. Radigk, Osnabrück, G. Sander, 1920, 8,9 x 14 cm (Medienzentrum Osnabrück)
33 Wassermühle auf Hof Brunning, Tüting, um 1900, 5,2 x 6,7 cm, Lichtdruck, Postkartenhälfte(Medienzentrum Osnabrück)

 

Hatten die Büglerinnen für dieses Foto die besten Kleider und Schürzen angezogen, so präsentierte sich der Chef des Betriebes in Hemdsärmeln und Holzschuhen.
Einen eher beschaulichen Anblick bieten die Redakteure des »Osnabrücker Tageblattes« auf einer Aufnahme des Osnabrücker Fotografen R. Lichtenberg von 1910 (Abb. 31).

Rechts im Bild steht Theodor Heins, der damalige Lokalredakteur. Neben den althergebrachten Arbeitsmitteln Tusche und Feder hatte sich das Telefon (in Reichweite des mittleren Redakteurs) bereits seit längerem durchgesetzt. Die Osnabrücker »Stadtfernsprecheinrichtung« wurde am 1. Februar 1887 in Betrieb genommen.
Vor der »Höckerschmiede« in Hagen (Abb. 34) haben sich 1910 neben dem Schmied und seinen Gesellen auch die Familienmitglieder versammelt.

34 „Höckerschmiede (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann, Georgsmarienhütte)

Schmiedemeister Felix Höckerschmidt (rechts im Bild ) befaßte sich neben den traditionellen Arbeitsbereichen Hufbeschlag, Herstellung und Reparatur von Wagenteilen, Pflügen und anderen Ackergeräten bereits früh mit den Erzeugnissen des Maschinenzeitalters. Neben den bäuerlichen Fuhrwerken links und rechts im Bild wartet in seinem Hof auch eine Dampf-Lokomobile auf ihre Reparatur. So kündigt sich auch in diesem Foto der rasche und grundlegende Wandel an, der durch den technischen Fortschritt und die veränderten Bedürfnisse auch vor dem Schmiedehandwerk nicht Halt machte. Als Pose für den Fotografen wird jedoch weiterhin auf die typische Tätigkeit des Hufbeschlags zurückgegriffen.
Dramatischer verlief die Entwicklung bei den Müllern. Hier führte die technische Entwicklung im 19. Jahrhundert und nach dem letzten Kriege dann das »Mühlengesetz« von 1957 zur Stillegung vieler älterer Kleinbetriebe. Die alten Mühlen (Abb. 33) hatten über Jahrhunderte eine zentrale Stellung in der Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln.

Sie deckten den Bedarf an Mehl, Graupen, Grieß, Grütze und Futterschrot. Sie schlugen Öl, brachen als Bokemühlen den Flachs, mahlten Lohe zum Gerben, trieben Sägen an, mahlten Zichorien und pumpten schließlich im heutigen Bad Rothenfelde die Sohle auf die Gradierwerke. Die Zeit der alten Mühlen ist jedoch abgelaufen, und auch die Wassermühle des Hofes Brunning in Tütingen auf unserem Foto hat seine beiden Wasserräder verloren und wurde zu einem Wohnhaus umgebaut.
Heinrich Grewings Fahrradwerkstatt (Abb. 35) war weit und breit die einzige, und deshalb kannte sie jeder.

 35 Fahrradwerkstatt Heinrich Grwing, Bersenbrück, H. Grewing, um 1910 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Grewing, Bersenbrück)

1897 hatte er sie an der Mittelstraße in Bersenbrück erbaut. »Grewings Hinnerk« war aber auch der erste Fotoamateur in Bersenbrück. Er ist auf dieser Aufnahme, die er wohl mit Fern- oder Selbstauslöser gemacht hat, ganz rechts und halb abgeschnitten auf dem Bild seiner Mitarbeiter zu sehen.
Die Ziegeleiarbeiter der Fa. Heithecker, Hasbergen (Abb. 36), haben sich dagegen ganz offensichtlich für einen Berufsfotografen aufgebaut.

36 Ziegeleiarbeiter der Fa. Heithecker in Hasbergen, um 1910, 15,3 x 19,9 cm, Albuminpapier (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Schuckmann, Osnabrück)

Obwohl den Arbeitern ihr Unbehagen in der ungewohnten Situation nicht nur an der Haltung, sondern auch an den Gesichtern abzulesen ist -nur der Meister mit der Pfeife bildet eine Ausnahme, er stützt energisch die Hände in die Hüfte-, wirkt die Aufnahme doch relativ ungestellt. Die Männer haben nur kurz ihre Arbeit unterbrochen und sich nicht extra für die Aufnahme herausgeputzt, wie das sonst häufig der Fall war, sondern tragen ihre lehmverschmutzte Arbeitskleidung. Handwerkszeug, Ziegelschubkarre und Pferdegespann verstärken diesen realistischen Eindruck.
Eine typische Gruppe bilden dagegen die Zimmerleute und Bauarbeiter auf Abb. 37.

37 Fachwerkbau auf Hof Diekmann (heute Memelmann) Borg, 1906 17,5 x 22,2 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Heimantverein Menslage)

Der Fachwerkrohbau ist aufgestellt, und obwohl es sich nicht um ein Richtfest zu handeln scheint, hat Bauer Diekmann zur Feier des Tages ein Faß Bier aufgelegt. Auch die Frauen und Kinder prosten der Kamera zu. »Borg 1906« heißt es unter dem Faß, auf das mit Kreide das Motto »§ 11« (»Es darf weitergesoffen werden«) gekritzelt wurde. Dieses Motto stammte eigentlich aus den Burschenschaften und bezog sich wohl auf den Symbolwert der Zahl 11 als Zeichen der Unmäßigkeit.
War der Zimmermann für alle Holzarbeiten draußen am Bau zuständig, so stattete der Tischler (Abb. 38) das Innere der Häuser aus.

38 Tischler Ehlers, Quakenbrück, um 1920, 17,7 x 23,9 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Stadtmuseum Quakenbrück)
39 Lehrerin „In Amt und Würden, Dezember 1917 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tepelmann, Osnabrück)

 

Er fertigte Truhen und Schränke, Tische und Sitzmöbel, Brautausstattungen, aber auch Särge und vieles anderes mehr. Meister Ehlers aus Quakenbrück ist inmitten seiner Lehrlinge und Gesellen auf dieser bei natürlichem Licht entstandenen Innenaufnahme seiner Werkstatt zu sehen. Demonstrativ wird der Fotograf nicht beachtet, um einen reportageartigen Eindruck zu erwecken, nur der junge Geselle im Hintergrund schaut neugierig über die Schulter. Hier kündigen sich fotografische Tendenzen der 20er Jahre an.
In den 1860er Jahren sind Atelierporträts in Berufskleidung auf Visit-Karten relativ verbreitet. Der Kochlehrling(Abb. 40) ist ein Beispiel für dieses Genre.

40 Ernst Wodrich, Kochlerling, 6,1 x 8,9 cm, Visitkarte (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tepelmann, Osnabrück)

Eine Ausnahme bildet bildet dagegen die Cabinet-Karte einer jungen Näherin (Abb. 41).

41 Näherin, S. Esselbach, ca. 1910, 10,8 x 16,6 cm, Cabinetkarte (Medienzentrum Oanbrück)

Der Fotograf Esselbach war von 1908 – 1919 an der Johannisstraße 65 tätig, aber dieses Foto entstand ganz offensichtlich nicht in seinem Atelier, sondern hier hatte der Fotograf sich zu seinem Kunden begeben, um ihn, bzw. seine Familie und auch die Hausangestellte in ihrer natürlichen Umgebung und bei natürlichem Licht aufzunehmen. Die »Schneiderin« war ein schon früh verbreiteter Frauenberuf und wurde »auf dem Land« nicht nur in der eigenen Nähstube, sondern auch direkt bei den Auftraggebern ausgeübt. Das Foto könnte also auch aus einem derartigen Zusammenhang stammen. Die Nähmaschine, zunächst mit Hand-, später mit Fußbetrieb, eroberte übrigens ab 1850/55 als erstes technisches Massenkonsumgut den deutschen Markt. Sie war die Grundlage für die Ausbreitung des Heimschneidergewerbes, in dem häufig die ganze Familie in die Produktion mit einbezogen werden mußte, um überhaupt das Lebensminimum erarbeiten zu können. Man arbeitete bis tief in die Nacht und auch samstags, vor Ablieferungstagen ratterten die Nähmaschinen sogar sonntags unentwegt.
Handwerkerstolz dokumentiert das Foto des Schlossermeisters Friedrich Meier und Sohn Heinrich mit der reparierten Wetterfahne der Marienkirche im Hof der Werkstatt am Markt 25 im September 1912 (Abb. 43).

42 Handwerker, Quakenbrück, um 1920, 8,8 x 15,5 cm, Fotopostkarte (Medienzentrum Osnabrück,Slg. Stadtmuseum Quakenbrück)
43 Schlossermeister Friedrich Meier und Sohn Heinrich mit der reparierten Wetterfahne der Marienkircheim Hof der Werkstatt am Markt 25. Juni, September 1912 (Medienzentrum Osnabrück)

Ab 1870 lassen Atelieraufnahmen keine beruflichen Rückschlüsse mehr zu, und Fotos am Arbeitsplatz werden natürlich in der Regel von den Repräsentations- bzw. Verwertungsansprüchen des Arbeitgebers diktiert. So ist das Porträt des Steigers Degen, er stammte aus dem Harz (Abb. 44), kein selbstbewußtes Arbeiterbildnis vor der Kohlenhalde der Zeche Piesberg, sondern die Vorlage für eine Werbelithographie, die die Umschlagrückseite der Werbeschrift »Piesberger Anthrazit« ziert, die 1896 bei der Osnabrücker Buchdruckerei J.G.Kisling erschien.

44 Steiger Degen am Piesberg vor 1896, 16 x 24 cm, (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann)

Die Lehrerin Agnes Wodrich hat auf der Rückseite der Fotopostkarte Abb. 39 stolz vermerkt: »In Amt und Würden, Dezember 1917«. Betont lässig mit einer Zigarette im Mundwinkel benutzt der Handwerker auf Abb. 42 sein Werkstück als Ersatz für das in einem Fotoatelier als Armstütze eigentlich obligatorische Postament. Obwohl als Fotopostkarte damals modern und schon auf die 20er Jahre verweisend, ist dieses Foto eines Mannes in seiner Arbeitskleidung mit verschmutzter und zerrissener Schürze vor dem altmodischen Atelierhintergrund nicht gerade typisch für seine Zeit. Blankgeputze Schuhe, Krawatte und Weste wollen auch nicht recht zum Allgemeinbild passen. Höchstwahrscheinlich ist das Foto mit der Neuausstattung des Photoateliers Bodemann in Quakenbrück in Zusammenhang zu bringen. Die Steinattrappe und die Hinweise auf Gips-, Farb- und Holzarbeiten lassen derartiges vermuten.

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