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Arbeitswelten – Frühe Industrialisierung

Frühe Industrialisierung

»Da sprachen wir von Arbeitsgelegenheit, da rieth mir der Eine, nach der Hütte zu gehn, und ich hörte zum ersten Mal, daß bei Osnabrück eine große Eisenhütte war und that mir leid, daß ich das nicht eher gehört hatte …« So ist Carl Fischer (Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters, Neue Folge, Leipzig 1904, S.178) noch 1869 ein wenig erstaunt, auf seiner Wanderschaft durch das Osnabrücker Land von einer großen Eisenhütte inmitten einer ansonsten stark agrarisch geprägten Landschaft zu erfahren. Das Königreich Hannover war für England immer agrarisches Hinterland gewesen, und erst der Beitritt zum Zollverein im Jahre 1854 schuf die Voraussetzung für einen stärkeren Ausbau der Industrie. Gefördert wurde diese Entwicklung durch den Bau von Eisenbahnlinien nach 1854. Für 1856 sind 127 »wirkliche Fabrikbetriebe« festgestellt »mit 22 Dampfmaschinen von 252 Pferdestärken, in denen 1500 Arbeiter beschäftigt wurden« (Hermann Schröter, Handel, Gewerbe und Industrie im Landdrosteibezirk Osnabrück 1815 – 1866, in: Mitteilungen des Historischen Vereins zu Osnabrück, Bd. 68 (1959), S.347) Mit der Annexion des Königreichs durch Preußen im Jahre 1866 wurden auch die Gewerbepolitik und die Domizilordnung mit ihrer Einschränkung der Freizügigkeit revidiert. Diese hatten bisher die fabrikmäßige Produktion zunfthandwerklicher Erzeugnisse und die für eine verstärkte Industrialisierung notwendige Mobilität der besitzlosen Landbevölkerung verhindert. Allmählich entstanden nun aus Handwerksbetrieben kleinere und mittlere Industriebetriebe; die größten Betriebe in und um Osnabrück waren jedoch reine Industriegründungen ohne handwerklichen Hintergrund. Die erste Großanlage der Industrie im Osnabrücker Raum, das Georgsmarienhüttenwerk entstand 1856/57 einige Kilometer vor den Toren der Stadt. Eines der typischen frühen Belegschaftsbilder zeigt die Arbeiter der Eisengießerei mit ihrem Werkmeister in der Mitte (Abb. 46).

45 Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein „Mitteleisenstraße“ (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann, Georgsmarienhütte)

 

46 Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein, Belegschaft der Gieserei 1892, 16,2 x 22,6 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann, Georgsmarienhütte)

Sie haben sich auf einem Gerüst im Fabrikhof mit kennzeichnenden Werkstücken und Werkzeugen für den Fotografen aufgebaut. Die meisten schauen ernst und konzentriert in die Kamera. In der seit 1859 existierenden Gießerei wurden neben Maschinenteilen vor allem gußeiserne Rohre produziert. Hervorgegangen war das Werk aus der kleinen Beckeroder Eisenhütte bei Hagen (Abb. 47).

47 Belegschaft der Beckeroder Kesselschmiede vor dem Gebäude der alten Beckeroder Hütte um 1895 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann, Georgsmarienhütte)

Die 1836 gegründete Firma umfaßte einen »Holzkohle-Hochofen, eine Eisengießerei, Walzwerk, Dampfhammer und eine mechanische Werkstatt« (Hermann Müller, Der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hütten-Verein, Bd. 1, Hannover 1896, S.1). Produziert wurden vor allem Öfen, Räder, Pfannen, Pflugeisen und Rohre. Auf dem Foto ist die Belegschaft der Kesselschmiede versammelt, bevor auch sie 1902 an den neuen Hüttenstandort verlegt wurde. Die Namen der Abgebildeten sind auf der Rückseite des Fotos verzeichnet. Von links nach rechts: Anton Hellermann – Schlackenhalde, Runde – Schlosser, Franz Meltebrink – Vorzeichner, Ruthemeyer – Schlosser, Kleinheider – Winkelschmied, Heinrich Brehe – Kesselschmied, Karl Otten – Kesselschmied, Heinrich Brockmeyer – Hilfsarbeiter, Johannes Schmitz – Vorzeichner, Johannes Schmitz – Meister, Konrad Schoppmeyer – Kesselschmied, Karl Niemann – Vorzeichner, Anton Otten – Kesselschmied, Anton Spratte – Kesselschmied, Ludwig Fromme – Hilfsarbeiter, Heinrich Knappheider – Kesselschmied, Heinrich Krammeyer – Schmied, Friedrich Bensmann – Hilfsarbeiter, Knappmeyer – Schmied, Wilhelm Loheider – Schmied. Grundlage für den Aufbau des Hüttenwerkes waren der expandierende Eisenbahnbau und die damit einhergehende verstärkte Eisennachfrage, sowie die Tatsache, daß noch 1858 fast 50 % des in Deutschland verarbeiteten Roheisens importiert werden mußte. Außerdem schien es eine ausreichende Rohstoffbasis in Form von Eisenerzen aus dem Hüggel und Steinkohle aus Borgloh und Kloster Oesede zu geben. Einen Einblick in die Produktion ermöglicht das Foto der »Mitteleisenstraße« im 1910 fertiggestellten Walzwerk (Abb. 45).

Hier schießen die glühenden Eisenstäbe zwischen den einzelnen Walzgerüsten von den Arbeitern gelenkt hin und her. Auch auf dem Steuerstand rechts im Bild sind viele Arbeitskräfte nötig. Ohne große Veränderungen hielt sich diese Produktionsform bis in die 60er Jahre unseres Jahrhunderts. Der Blick in die Werkshalle der Fa. Karl Stahmer (Abb. 48), 1864 in der unmittelbaren Nähe des Hüttenwerkes gegründet, zeigt noch die bis zur Jahrhundertwende übliche Form der Kraftübertragung durch ein Transmissionssystem, das dann in der Folgezeit durch den Einsatz von Elektromotoren verdrängt wurde.

48 Carl Stahmer, Georgsmarienhütte, „Kurbelwerkbau.- Dreherei, Fräserei“ (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann, Georgsmarienhütte)

Paul Göhre (Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche. Eine praktische Studie. Leipzig 1891, S.42ff) beschreibt diese Arbeitssituation sehr eindringlich: »Der Bau erinnerte mich immer an das Innere einer Kirche. (…) Und wo in unseren Kirchen oft die Sakristeien zu sein pflegen, stand hier das Maschinenhaus mit dem eisernen stöhnenden Ungeheuer, das seine riesigen Kräfte durch den ganzen Raum ausströmte und Dutzende schwere Maschinen und hundert Menschen in Atem und Bewegung hielt. Daneben ragte der große Schornstein auf, dessen rußige rauchende Spitze auch zum Himmel wies. Zwar fehlten Glockenklang und Orgelton. Aber dafür brausten andre gewaltige Töne unaufhörlich durch die Halle: das Gehämmer und Gefeile der Schlosser, das Ächzen und Dröhnen der Maschinen, das Quietschen und Schlagen der Räder. (…) Unter den durch die Emporen gebildeten Decken liefen die langen Wellen hin, die durch die Dampfmaschine in rasender Drehung gehalten wurden und durch Riemenscheiben und die verbindenden Treibriemen die allerhand kleinen und großen Arbeitsmaschinen mit der Kraft nie ruhender Bewegung speisten.« Mit den Transmissionsanlagen verschwand auch die »Meisterwirtschaft«. Die Werkmeister büßten ihre privilegierte Stellung zwischen Unternehmern und Arbeitern ein, die Planungs- und Entscheidungskompetenzen verlagerten sich auf eine Büroverwaltungsebene, die eine größere Kontrolle und höhere Effizienz versprach. Buchhalter begannen den Arbeitsrythmus zu bestimmen. Mit dem steigenden Bedarf an Büroangestellten etablierten sich auch in Osnabrück entsprechende private Lehr-Institute. Im Oktober 1903 bot das Kaufmännische Lehr-Institut, Otto Kintzel (Abb. 49) an der Johannisstrasse 63-64 mit dieser Werbe-Visit-Karte seine Dienste an.

49 Kaufmännisches Lehr-Institut, Otto Kintzel, Osnabrück,A. Funke, 1903, 6,4 x 10,3 cm (Medienzentrum Osnabrück)

Angeboten wurde ein praktischer Unterricht für »Herren und Damen in Buchführung, Rechnen, Maschinenschreiben, Briefwechsel, Rechtschreiben etc.«. Verbunden mit dem Unterrichts-Institut war ein »Stellenvermittelungs-Bureau«.
Die frühindustrielle Arbeiterschaft war keine homogene Gruppe. Die gelernten Facharbeiter, ausgestattet mit einem aus beruflichem Können und handwerklichen Traditionen gewachsenen Selbstvertrauen schauten voller Verachtung auf die ungelernten Arbeiter. »Wir Former und Tagelöhner waren die verachtetsten Arbeiter auf dem Werke, und die Schlosser nebst andern Vornehmgesinnten nannten uns höhnisch „Pottbäcker“ … «, schreibt Carl Fischer in seinen „Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters“ (Leipzig 1903, S.313). So präsentieren sich die beiden Schmiedegesellen auf Abb. 50 äußerst selbstbewußt der Kamera.

50 Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein, Schmiedegesellen (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann, Georgsmarienhütte)

Mit ihrem Werkzeug und dem zu reparierenden Möllerwagen (er diente zur Beschickung der Hochöfen) wirken sie auf den heutigen Betrachter wie ein fotografisches Arbeiterdenkmal. Die Umstände, die seinerzeit zu dieser außergewöhnlichen Aufnahme führten, sind leider nicht mehr nachvollziehbar.
Bereits im Zusammenhang mit Abb. 23 u. 24 wurde auf die Bedeutung des Leinen – Hausgewerbes für die Osnabrücker Region hingewiesen. Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte sich Bramsche zu einem kleinen Tuchmacherzentrum entwickelt. Auch hier vollzog sich eine stärkere Phase der Industrialisierung erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Von 1845 bis zur Jahrhundertwende entstanden im Ort insgesamt 12 Industriebetriebe des Textilgewerbes. Die Firma L.G. Vocke wurde als Tuchfabrik 1859 gegründet. Abb. 51 zeigt einen Blick in die Näherei aus dem Jahre 1910.

51 Fa. Vocke, Bramsche, In der Näherei ca. 1910, 11,9 x 16,6 cm (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Tuchmachermuseum, Bramsche)

Die Entwicklung in Bramsche bildet eine Besonderheit. Die Tuchmachergilde konnte sich hier gegen die ortsansässigen Tuchfabriken behaupten und in eigenen Betriebsgebäuden auf der Grundlage einer genossenschaftlichen Regelung bis 1971 weiterproduzieren. An diesem Produktionsort, dem Mühlenortviertel, entsteht z. Zt. ein Tuchmacher – Museum.
Bereits in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden in Osnabrück mehrere Tabakmanufakturen gegründet. Neben der Leinenherstellung war die Tabakindustrie lange Zeit der wichtigste Erwerbszweig des Landes. Der Jahresbericht der Handelskammer Osnabrück zählt für das Jahr 1875 in der Stadt 300 Arbeiter in Tabakfabriken und 200 in der Hausindustrie. Vielfach ließen die Osnabrücker Unternehmer auch in den umliegenden Gemeinden produzieren. Die Zigarrenfabrik G. Greive (Abb. 53) befand sich seit 1900 im oberen Stockwerk der Gastwirtschaft Greive in Borgloh.

52 Heinrich Grothaus in der Brennerei Dütemeyer,Wellendorf 1914 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann, Georsmarienhütte)
53 Belegschaft der Zigarrenfabrik Greive, Borgloh 1910 (Medienzentrum Osnabrück, Slg. Beermann, Georgsmarienhütte)

Die Belegschaft hat sich für das Gruppenporträt zum 10jährigen Bestehen der Firma mit einigem Mobiliar in den Hof der Gastwirtschaft begeben. Rechts und links stehen Pressen mit Zigarren-Formbrettern, und die so häufig in derartigen Fotografien verwendete Kreidetafel ruht auf einem mächtigen Zigarrenregal.
Der Branntweinkonsum hatte nach 1815 in Deutschland allgemein stark zugenommen. Eine der Ursachen lag in der stärkeren Verwendung der billigeren Kartoffel als Ausgangsprodukt für den Schnaps. Dies führte 1840 auch in Osnabrück zur Gründung eines »Enthaltsamkeits- und Mäßigkeits-Vereins«. Andererseits wurde Schnaps vielfach noch als Nahrungs- und Stärkungsmittel betrachtet, sein Ausschank war in ländliche und andere Arbeitszusammenhänge fest eingebunden. Weiterhin gehörte das Trinken von Branntwein oder anderem Alkohol, öffentlich und nach festen Regeln geordnet, zur Geselligkeit und Kultur der Handwerker und Arbeiter. So gab es zahlreiche kleine Brennereien in der Osnabrücker Region, deren (z.T. heute noch bestehenden) Brennrechte häufig schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts erteilt wurden. Auch die Brennerei Dütemeyer in Hankenberge existiert seit 1814. Das Foto von Heinrich Grothaus an seinem Arbeitsplatz (Abb. 52) entstand zum 100jährigen Jubiläum der Firma.

Eine verstärkte Nachfrage durch die Industrie und die Planung einer elektrischen Straßenbahn führten im Juli 1900 zu dem Beschluß der städtischen Kollegien, ein eigenes Elektrizitätswerk zu bauen. Es wurde von der »Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG)« errichtet und zunächst auch betrieben, bis die Stadt das Werk am 1.04.1905 übernahm. Kurz darauf errichtete die Hannoversche Kolonisations- und Moorverwertungsgesellschaft (HAKOMOG) im Schweger Moor ein Torfkraftwerk, in dem neben elektrischer Energie auch Ammoniak als Düngemittel für die Landwirtschaft erzeugt wurde. Der extreme Weitwinkel-Blick(Abb. 55) von der Schaltzentrale hinunter auf die beiden Generatoren unterstreicht die Größe der Anlage.

54 „Bad Rothenfelde, T.W., Salzgewinnung“, H.Hemmelskamp, Postkarte
(Medienzentrum Osnabrück, Slg. Dr.-Bauer-Heimatmuseum, Bad Rothenfelde)
55 Torfkraftwerk Schwege, Kraftzentrale 1909, 16,4 x 22,4 cm (Medienzentrum Osnabrück)

1911 schloß die Stadt mit der HAKOMOG ein Stromlieferungsabkommen. Dies waren die Anfänge der Stromverbundnetze im Raum Osnabrück. »Das Kraftwerk enthält eine Kesselanlage, bestehend aus drei Kesseln à 500 qm Heizfläche mit 25 Atm. Überdruck und 430 Grad Überhitzung. Eine Maschinenanlage, bestehend aus zwei Turbinen je 3300 KW und 10 000 Volt Spannung. Eine komplette Schaltanlage von 10 000 Volt Spannung und ein Schalthaus, worin der Strom von einer Spannung von 10 000 Volt auf eine solche von 100 000 Volt umgespannt wird, um von hier in das Netz der Niedersächsischen Kraftwerke A. G., Osnabrück, zu gelangen, durch das der Strom den Verbrauchern zugeführt wird. Der Brenntorf wird unmittelbar von der Gewinnungsstätte entweder dem Lagervorrat am Kraftwerk oder direkt der Kesselbunkeranlage zugeführt.« (aus: „Der Friedenssaal“, April 1928, Heft 7 ff.)
Zurück zu den ersten Anfängen der heimischen Industrie führt die Postkarte „Salzgewinnung“ (Abb. 54).

Zu sehen ist die Trocknung des Salzes auf Pfannenblechen. Initiator der Rothenfelder Saline war Ernst August II, Fürstbischof von Osnabrück (1716 – 1728). 1724/25 begann die erste Siedung, und viel verändert hat sich an dem Produktionsablauf bis zur Zeit unserer Abbildung nicht. Nach der Jahrhundertwende verlor die Salzproduktion gegenüber dem Badebetrieb schnell an Bedeutung.

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